Hans Magnus Enzensberger

Tumult

Cover: Tumult
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
ISBN 9783518424643
Gebunden, 240 Seiten, 21,95 EUR

Klappentext

Wer sich nach einem halben Jahrhundert wiederbegegnet, muss auf Überraschungen gefasst sein. Hans Magnus Enzensberger hat sich auf dieses Abenteuer eingelassen: Ein zufälliger Kellerfund gab den Anlass für eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. 1963 führt den Autor eine erste Reise nach Russland, und unverhofft wird er zum Gast auf Chruschtschows Datscha in Gagra. Das Ergebnis ist ein genaues Porträt des Mannes und der sowjetischen "Tauwetter"-Politik dieser Zeit. Drei Jahre später durchreist Enzensberger die UdSSR vom äußersten Süden bis nach Sibirien. Auf diesem Parforce-Ritt nehmen die Verwicklungen des "russische Romans", der konfliktreichen Beziehung zu seiner zweiten, russischen Frau, ihren Anfang. 1968/1969 gerät der Dichter dann in eine Phase des politischen und privaten Tumults. Mitten im Vietnam-Krieg folgt er einer Einladung an die Wesleyan University, aber schon nach wenigen Monaten lockt das Cuba der Revolution. Doch sind die Fraktionskämpfe der außerparlamentarischen Opposition in Berlin nicht so weit entfernt, als daß der Dichter nicht auch auf diesem Schauplatz zum Akteur würde Wie aber sieht mit dem zeitlichen Abstand von 50 Jahren der alte Enzensberger den jungen? Die Antwort auf diese Frage gibt ein lebhaftes Streitgespräch, in dem beide sich ihrer Haut zu wehren wissen. Ein letztes Kapitel unter dem lapidaren Titel "Danach" gilt dem Abschied von den "politischen und privaten Obsessionen der 60er Jahre".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.12.2014

Nach der Lektüre von Hans Magnus Enzensbergers neuem Buch "Tumult", in dem er seine Erinnerungen an die sechziger Jahre schildert, jubelt Rezensent Andreas Platthaus: "Höchster Literaturgenuss!" Fasziniert liest der Kritiker, wie Enzensberger Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Andreas Baader nach dessen gewaltsamer Befreiung vor der Tür abwies mit dem Hinweis auf die polizeiliche Überwachung seines Hauses. Großartig auch, wie Enzensberger seinen Besuch im Ferienhaus von Nikita Chruschtschow 1963 schildert, der sich als eher "schlichtes Gemüt" präsentierte. Insbesondere amüsiert sich der Rezensent über die Ironie, mit der Enzensberger seine Erlebnisse herunterspielt. Und dass dieses literarisch-biografisch Spiel auch noch exzellent erzählt wird, lässt Platthaus umso mehr auf einen Nachfolger hoffen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.11.2014

Wie immer fühlt sich Martin Zingg bei Hans Magnus Enzensberger gut unterhalten mit selbstironischer und angenehm unzuverlässiger Selbst- und Fremdbeobachtung. Wenn der heute 85 Jahre alte Autor die tumultösen Jahre 1967 bis 1970 Revue passieren lässt und dafür in ein Selbstgespräch mit dem jungen Ich eintritt, staunt Zingg nicht übel, was dabei zum Vorschein kommt. Dass der junge Enzensberger umtriebig war, wusste er. Aber so? Von allerhand Reisen berichtet der Autor, von einer amour fou und seinem Leben in Norwegen, immer anregend, immer detailreich, freut sich der Rezensent. Dabei wird für Zingg die alte Bundesrepublik lebendig, doch mehr noch die "Rückseite" von Enzensbergers damaliger Existenz.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 11.10.2014

Sehr viel Tumult scheint das Buch dem Rezensenten allerdings nicht zu bieten. Hans Christoph Buch, der Enzensberger zwar gut kennt, ihn aber dennoch nicht ermessen kann, wie es scheint, wird hier insofern enttäuscht, als das Erinnerungsbuch weder die Frage beantwortet, wer dieser Hans Magnus Enzensberger denn sei, noch was er wollte. Rätselhaft also bleibt der Autor dem Rezensenten weiterhin, auch wenn das Buch "überraschende" Details zutage fördert, wie Buch einräumt. Der Autor aber scheint zu facettenreich als Person und als Schriftsteller, das lernt Buch hier immerhin, als dass er sich festelegen ließe. Vielmehr erkennt Buch bei der Lektüre, dass Enzensberger wohl stets ein wenig Dada war und ist, heißt, lustvoll provokant und augenzwinkernd.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.10.2014

Hier sitzt wirklich jeder Satz, versichert Rezensent Helmut Böttiger nach der Lektüre von Hans Magnus Enzensbergers autobiografischem Werk "Tumult". Den Titel verdankt es einer Finte des Schriftstellers, der hier vor allem aus seinen "Sudelheften" der tumultuösen frühen Jahre schöpft und den Titel auch als Gattungsbezeichnung verstanden wissen will. Literarische Spielereien dieser Art entdeckt der Kritiker ganz Enzensberger-typisch noch mehrfach, etwa wenn der Autor ein Kapitel in einem Dialog des 85-Jährigen mit seinem jüngeren Ich notiert. Und so lässt sich der Rezensent in diesem zwischen Realität, Fiktion, Ästhetik und Leben oszillierenden Meisterwerk auf eine Reise in die späten sechziger Jahre mitnehmen, von denen Enzensberger mit extremen Kamera-Einstellungen, "minimalistischem Schwarzweiß" und "sattem Breitband-Color" erzählt. Gebannt liest Böttiger wie Enzensberger während eines Aufenthaltes in der römischen Via Veneto mit Ingeborg Bachmann tanzt, nach Kuba oder in die Sowjetunion reist, wo er von Chruschtschow eine Badehose geliehen bekommt oder wie er von seiner Ehe mit der 23jährigen Sowjetrussin Mascha berichtet. Allein dieses Kapitel ist ein glänzendes Kunststück, schwärmt der Kritiker, der hier große Zeitgeschichte gelesen hat.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.10.2014

Natürlich weiß ein Autor wie Enzensberger, wie in jeder Hinsicht problematisch das Genre der Autobiografie ist, erklärt der rezensierende Schriftsteller und Verleger Klaus Bittermann. Weshalb sich Enzensberger nach einem überraschenden Kellerfund vergessener Erinnerungsstücke aus den insbesondere für den Autor bewegten Sechzigerjahren eines kecken literarischen Kniffs bedient: Er positioniert sein damaliges Ich gegenüber dem heutigen, das den Jüngeren unentwegt und bis hin zum Streit befragt, berichtet der Kritiker. Zwar findet er diese Methode gelegentlich etwas kokett, kann aber dieser augenzwinkernden Methode auch durchaus etwas abgewinnen: Dieses "Spiel mit der unzuverlässigen Erinnerung" entwickele ohne weiteres Reiz. Vor allem aber lernt der Rezensent Enzensberger hier nicht nur als geistigen, sondern auch sehr konkreten Nomaden kennen: Dessen Rastlosigkeit und stete Reiselust, so mutmaßt Bittermann, dürfte den bis heute wendigen Enzensberger davor bewahrt haben, intellektuell zu verkrusten.