Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Drei Söhne von neun Männern, das ist genug. In ihrer Garage surft die 80-jährige Herbjörg durchs Internet und begleicht letzte Rechnungen, während der Ofen für ihre Einäscherung heißläuft. "Ich lebe hier allein in einer Garage, zusammen mit einem Laptop und einer alten Handgranate. Es ist wahnsinnig gemütlich."
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.10.2011
Zumindest zeitweilig war die Lektüre der Erinnerungen und Suaden der 80-jährigen, kettenrauchenden und todkranken Isländerin Herbjörg, Heldin von Hallgrimur Helgasons jüngstem Roman, für Jutta Person ziemlich unterhaltsam. Die Zynikerin lässt sich darin nicht nur "hohntriefend" über Islands Finanzkrise aus oder piesackt ihre ungeliebte Schwiegertochter mit gefälschten Facebook-Einträgen. Im Zentrum des Romans stehen ihre schrecklichen Kriegserlebnisse, die sie vom Nazi-Deutschland gen Osten bis nach Argentinien verschlagen. Helgason, Schriftsteller, Maler, Comic-Zeichner und Comedian in Personalunion, hat eine Vorliebe für schrille, skurrile Figuren, weiß die Rezensentin, der das Dauerkalauernde und Sarkastische der Hauptfigur allerdings auf lange Sicht auf die Nerven geht. Wenn der isländische Autor seine böse Alte selbst über KZ-Leichenberge ihre bitteren Scherze machen lässt, sind für Person die Grenzen dermaßen überschritten, dass sie "alle vorherigen Lacher am liebsten zurücknehmen" würde. Insgesamt aber kann sie ihr Vergnügen an diesem "angenehm übergeschnappten" Roman dann doch nicht unterdrücken, zumal er großartig ins Deutsche übersetzt wurde, wie sie lobt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2011
Das ist genau der richtige Roman, um das moderne Island der letzten achtzig Jahre zu entdecken, meint Tilman Spreckelsen. Allerdings, so berichtet der Rezensent weiter, mute Hallgrimur Helgason dem Leser in "Eine Frau bei 1000 Grad" auch einiges zu. Mit angehaltenem Atem und meist entsetzt hat er die schmerzvolle Biografie der krebskranken Protagonistin gelesen, die vom Sterbebett aus auf ihr immer mit der Geschichte ihrer Nation verwobenes Leben zurückschaue. Dabei hat er in den chronologisch ungeordneten Erinnerungen erfahren, wie die Verwicklungen ihrer Familie in den Nationalsozialismus das Leben der hier erzählenden Enkelin des ersten Präsidenten von Island prägten oder welche bedeutende Rolle ihr Sohn beim isländischen Bankencrash spielte. Der Protagonistin, deren Stimme noch aus dem selbst organisierten Krematioriumsfeuer erklinge, ist der Rezensent schon aufgrund ihrer politisch nicht immer korrekten Ansichten eher distanziert begegnet, die Lektüre dieses fesselnden Romans kann er aber unbedingt empfehlen.
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