Guiseppe Ferrandino

Pericle der Schwarze

Roman
Cover: Pericle der Schwarze
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518411346
Gebunden, 157 Seiten, 17,38 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Max Looser. Pericle, achtunddreißig Jahre alt, wohnt in Neapel. Er arbeitet für einen Boss namens Luigino. Der schickt ihn zu Leuten, die nicht spuren. Er schlägt sie mit einem Sandsäckchen nieder und sodomisiert sie, um sie zu demütigen und gefügig zu machen. Als er des Guten zu viel tut, ist der Boss hinter ihm her. Ersatzweise bringt man die Familie des Onkels um, bei dem er gewohnt hat. Pericle flieht nach Pescara und schlüpft für kurze Zeit bei einer Polin unter. Ausgesetzt, ängstlich, beginnt er über sich nachzudenken. Dann kommt die Abrechnung ? mit einer überraschenden Wendung. Die Geschichte eines kleinen Mafioso, der einmal "unkorrekt" zuschlägt und Neapel verlassen muß, zurückkehrt und sich rächt. Lakonisch erzählt, und sehr direkt. Die Selbstfindung eines Dreckstücks, das man fast sympathisch zu finden gezwungen wird.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.11.2000

In einer recht inhaltsreichen Rezension stellt Winfried Wehle zahlreiche Stärken dieses Romans heraus. So lobt er nicht nur die Spannung und den Aufbau der Geschichte, sondern auch die grundlegende Fragestellung, die sich durch den Roman zieht: die "Frage nach dem Bösem im Menschen". Dabei gehe der Autor auf verwirrende Weise vor, denn - wie Wehle betont - die Vorgeschichte des Protagonisten, die einiges entschuldigen oder erklären könnte, wird nicht erläutert. "Eine Art Entwicklungsroman rückwärts" sei dies, denn Pericle, der gefühl- und gedankenlose Verbrecher wird im Verlauf der Geschichte nachdenklich - wenn auch nicht gleich ein besserer Mensch. Besonders jedoch hebt Wehle die sprachlichen Qualitäten des Buchs hervor, denn der Autor hat in diesem Fall die nicht ganz einfache Ich-Form verwendet. Doch wie spricht ein Mensch wie Pericle? Ferrandino hat, wie der Leser erfährt, eine "Trümmerprosa" verwendet, ein "Knochengerüst" von Sprache, die knapp und rudimentär ist, deren Stärke im Weglassen besteht. Wehle kann sich kaum genug für diese Sprache begeistern, zumal er dadurch den Protagonisten, diese "abstoßende Figur schlüssig, ja überzeugend" dargestellt sieht.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.09.2000

Nach Jan Wagner ist "Pericle der Schwarze" eine Mafiageschichte, die jenseits der Klischees operiert. Zwar irrt der Rezensent, wenn er Neapel Sizilien zuordnet, doch die Clan-Strukturen der neapolitanischen Camorra sind denen der sizilianischen Mafia nicht unähnlich, soweit richtig. Die familiären Bande werden im Fall eines Fehlers zu Stricken, die sich immer enger um den Hals des Protagonisten schnüren, der, so Wagner, ein richtiges Ekel ist und seine Brutalität auf bestürzend naive und beiläufige Art und Weise kundtut. Dem Autor sei es gelungen, das "Psychogramm eines Gewohnheitsmonsters" zu zeichnen, eine durch und durch ambivalente Figur zu erhellen, für die der Leser am Ende nicht unbedingt Sympathie, dennoch aber ein gewisses Verständnis aufbringe. Ferrandinos Debüt-Roman hat für Wagner mit "pulp italiano" nichts zu tun.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.07.2000

Ein aus der Perspektive des Helden Pericle "knapp" und "nüchtern erzähltes Leben", schreibt Agnes Hüfner. Es geht um die "Atmosphäre abstoßender Gewalt", genauer gesagt um sexuelle Demütigung im Auftrag eines mafiösen Padrone. Als Pericle, der Täter, sich selbst bedroht fühlt und von Versteck zu Versteck fliehend erkennt, wie erbärmlich solch ein Leben ist, beschließt er, sich am Padrone zu rächen. Aber dann empfindet er die Tat als "Vollendung seiner eigenen Erniedrigung" und flieht weiter. Agnes Hüfner gibt außer dieser Nacherzählung wenig preis; sie findet der Autor hat für diesen Roman "zu Recht einen Preis erhalten", teilt jedoch nicht mit, welchen und warum sie ihn verdient findet.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.04.2000

Folgt man Alice Vollenweider, so handelt es sich hierbei um einen Roman, der keine Wünsche offen läßt: Erzählrhythmus, "treffsichere" Sprache, eine durchweg spannende Handlung und eine Erzählweise, bei der der Autor "kein Wort zuviel und keines zuwenig" verwendet, sind für sie nur einige der vielen Qualitäten dieses Romans. Ferrandino habe es gar nicht nötig, den Leser mit blutrünstigen Geschichten zu fesseln. Der Roman besticht ihrer Ansicht nach viel mehr durch die Beobachtungsgabe, mit der der Autor die neapolitanische Welt der Gangster und des Proletariats beschreibt. Dabei spielt die Sprache für die Rezensentin eine besonders große Rolle. Ihrer Ansicht nach zeigt der Autor perfekt den "Sprachverlust" der Figuren, eine Reduzierung auf verbale Drohgebärden, die häufig genug nichts als Mißverständnisse nach sich ziehen. Die schwierige Aufgabe, dies ins Deutsche zu übersetzen, hält Vollenweider für recht gut gelungen. Allerdings scheine der Übersetzer sich mit so manchen neapolitanischen Gepflogenheiten nicht gut genug auszukennen. Da hätte bisweilen der Verlag eingreifen müssen, meint die Rezensentin.
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