Güner Yasemin Balci

Heimatland

Zähne zeigen gegen die Feinde der Demokratie
Cover: Heimatland
Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783827015259
Gebunden, 320 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Als türkische Gastarbeiter kamen Güner Balcis Eltern nach Berlin-Neukölln. Der Einzug in eine Wohnung mit eigenem Bad im Rollbergviertel war für sie ein Meilenstein des Ankommens in einer ihnen fremden Welt. Aber das einstige Arbeiterviertel, in dem ihre Tochter eine unbeschwerte Kindheit erlebte, verwandelte sich Anfang der 1980er-Jahre zunehmend in einen sozialen Brennpunkt. Die Söhne arabischer Großfamilien beherrschten das Geschehen. Ein reaktionärer Islam machte sich breit, der Mädchen und Frauen die Selbstbestimmung verweigerte.Güner Balci erzählt von Selbstbehauptung und Scheitern, von Freundschaft und Verlust in einem Viertel, das zu ihrer Lebensschule wurde. Eine leidenschaftliche Liebeserklärung an ihr Heimatland.   

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2025

Aufmerksam liest der hier rezensierende Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma das Buch von Güner Yasemin Balci, das für ihn in kein rechtes Genre passt: Zwar erzählt die Autorin, Journalistin und Filmemacherin darin autobiografisch von ihrem Aufwachsen in Neukölln, nachdem ihr Vater aus der Türkei nach Deutschland gekommen und die Familie nachgezogen war - aber der Blick reicht viel weiter, vermittelt Reemtsma: Höchst eindrücklich findet er, wie Balci aus der Perspektive einer "Minderheit der Minderheit" - die Balcis sind Aleviten und sprechen Zazaki - einen wahnsinnigen Erfahrungsschatz ausbreitet und mit Einsichten aus ihrer Tätigkeit als Integrationsbeauftragte Neuköllns verbindet: das Staunen über andere Kindergeburtstage steht hier neben Mordaufträgen zwischen Geschwistern, der verklärte Blick auf den Rollbergkiez, in den die Familie irgendwann umzieht, neben Reflektionen über Atatürks ethnische Säuberung 1939. "Exotisch" findet Reemtsma das dezidiert nicht, er bewundert vielmehr Balcis "scharfen" Blick auf Unterschiede, Kreuzungen, vor allem auch klassenbezogene. Angetan hat es ihm außerdem Balcis Schreibstil, den er als "leicht" und "unprätentiös", dabei aber trotzdem voller Pointen beschreibt. Für den Kritiker ein erhellendes, nachhallendes Buch und ein "Lob auf die offene Gesellschaft", die von Fundamentalisten unterschiedlichster Couleur bedroht werde, aber auch von Wohlmeinenden, die für Balci zu oft einem "Rassismus der niedrigen Erwartungen" anhängen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.09.2025

Ein unbedingt lesenswertes Buch hat Güner Yasemin Balci laut Rezensentin Viola Schenz verfasst. Die Integrationsbeauftragte des Berliner Stattteils Neukölln, die selbst in diesem Kiez als Tochter einer Migrantenfamilie aufgewachsen ist, zeichnet die unheilvolle Entwicklung in diesem Viertel nach, in dem mehr und mehr eine radikale Auslegung des Islam um sich greift. Leidtragende dieses vor allem von Zuwanderern aus dem arabischen Raum vorangetriebenen Prozesses sind in erster Linie Mädchen, die von ihren Brüdern und anderen Sittenwächtern gegängelt werden, im Weiteren trifft dieser gesellschaftliche Wandel auch Randgruppen wie Homosexuelle und Juden. Schuld daran tragen nicht nur islamistische Hassprediger, sondern auch Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, die aus falsch verstandener Toleranz oft sogar gemeinsame Sache mit illiberalen Einwanderern machen, etwa wenn es gegen Rassismus geht, resümiert die Kritikerin. Mit Balci weist Schenz darauf hin, dass keineswegs nur eine weiße, eurozentrische Kritik auf universalistische Menschenrechte pocht - vielmehr werden solche Positionen auch von vielen Autoren aus dem globalen Süden vertreten. Es sei höchste Zeit, dass sich etwas ändert, Hoffnung machten ihr liberale Muslime, die sich an sie wenden mit der Bitte, nicht aufzugeben. Insgesamt packt Balci zwar etwas arg viel, teils auch Disparates, zwischen zwei Buchseiten, meint Schenz, spricht insgesamt aber eine klare Leseempfehlung aus.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 27.08.2025

Zunächst liest Rezensentin Luise Sammann durchaus begeistert in diesem Buch der Journalistin und heutigen Neuköllner Integrationsbeauftragten Güner Yasemin Balci. Solange ihr Balci nämlich in oft "dankbarem" und "romantischem" Ton vom Aufwachsen als türkische Migrantin zwischen den unterschiedlichen Kulturen im Neuköllner Rollbergkiez in den Achtzigern erzählt - auch wenn die Kindheit in einer harten Realität vor dem Hintergrund von Armut, Sucht, Missbrauch und Gewalt stattfand. Wenn die Integrationsbeauftragte dann aber überraschend direkt heutige Probleme im Bezirk anspricht, ist Sammann doch recht "irritiert": Seit dem Zuzug arabischer Großfamilien in den Bezirk habe sich eine "Geschlechterapartheid" vollzogen, zudem gingen muslimische Mädchen heute in der Regel vor der Volljährigkeit in die Ehe, liest sie. Das findet die Kritikerin dann doch ebenso "übertrieben" wie Balcis Aussage, kritische Diskussionen würden von einer "weltfremden postkolonialen Antirassismus-Polizei erstickt." Wenigstens Lösungsvorschläge hätte Sammann zum Ende hin erwartet.

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