Gerhard Roth

Fühlen, Denken, Handeln

Die neurobiologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens
Cover: Fühlen, Denken, Handeln
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783518583135
Gebunden, 493 Seiten, 29,65 EUR

Klappentext

"Fühlen, Denken, Handeln" ist eine Weiterführung des Buches "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" und befasst sich aus Sicht der Hirnforschung mit der Frage, wer oder was in uns unser Verhalten bestimmt. Dargestellt wird, wie Gefühle im Gehirn entstehen und wie sie unser Denken, Erinnern und Handeln beeinflussen. Zugleich wird aufgezeigt, wie sich das Ich und die Persönlichkeit ausbilden und inwieweit Charakter und Persönlichkeit im Erwachsenenalter grundlegend veränderbar sind. Von besonderer Bedeutung ist die Frage, in welchem Maße unser Tun bewußt oder unbewußt gesteuert wird und wir Einsicht in die Antriebe unseres Handelns haben. Ist das Ich "Herr im Hause" und was haben Hirnforschung und experimentelle Psychologie zur Funktion des Willens und zur Willensfreiheit zu sagen?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.11.2001

Nicht weniger als die Darstellung eines "neurobiologisch fundierten Menschenbildes" hat sich Gerhard Roth, wie der Rezensent Martin Klaus feststellt, vorgenommen. Dazu werden erst einmal drei konkurrierende Theorien abgewickelt, die der Behavioristen, der Soziobiologie und der Psychoanalyse. Erstere sind zu einseitig, letztere haben, so Roth, richtig erkannt, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist. Das Ich ist nicht mehr als "der Regierungssprecher" einer Regierung, die dem Bewusstsein vorgängig agiert und entscheidet, so resümiert Martin Klaus. Die Einheit dieses Ichs ist seine Illusion, "acht verschiedene Arten des Ich" hält Gerhard Roth analytisch auseinander. Das Buch will, so Martin Klaus, keine revolutionären Erkenntnisse verkünden, sondern den gegenwärtigen Stand der neurobiologischen Forschung zusammenfassen. Das liest sich, findet der Rezensent, "bisweilen staubtrocken, bisweilen spannend". Dennoch aber lobt er den Band als "guten Einstieg in eine komplexe Materie".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.11.2001

Die Idee ist gut, doch ... Zumindest den Anspruch des Autors, das Gespräch zwischen den Natur-, den Geistes- und den Sozialwissenschaften in Gang zu bringen, hält Ulrich Schnabel für lobenswert. Und selbst der Stoff für eine solche Auseinandersetzung findet sich in diesem Buch, "denn es stellt die Grundfragen unserer Identität". Der Autor, so Schnabel, lasse kein heißes Eisen aus, das in den vergangenen Jahren im Feuer wissenschaftlicher Diskussion glühte. Umso trauriger erscheint es unserm Rezensenten, dass der Autor keinen Mumm beweist und es ihm nicht gelingen will, anders als in der Art trockener Vorlesungen zu dozieren und auch nur die klitzekleinste gewagte These anzubringen. So referiert Roth etwa "seitenlang, was in jedem Anatomiebuch steht", schreibt Schnabel enttäuscht und befürchtet, dass sich ein breiteres Publikum das kaum gefallen lassen dürfte und der angepeilte interdisziplinäre Dialog durch dieses Buch jedenfalls nicht befeuert werden wird. Geeignet findet Schnabel es allenfalls "als Nachschlagewerk für neurobiologisch Interessierte".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001

Ulrich Kühne empfiehlt Gerhard Roths Blick in das menschliche Gehirn als ein Lehrbuch der modernen Hirnforschung. Klar und verständlich geschrieben spanne es einen weiten Bogen über die neurobiologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens. Kühne würdigt Roths Forschungsergebnisse, hält aber die Folgerungen über ihre soziale Sprengkraft für übertrieben. Angesichts solcher Folgeschlüsse begrüßt es Kuhn, dass der Interpretationsteil insgesamt kurz ausfällt und sich der Autor stark auf empirische Tatsachen zurückzieht. Zudem kritisiert Kühne, dass bei Roth Tatsachen nahtlos in Werturteile übergehen, wenn er etwa Begriffe wie 'Pseudoerklärung' oder 'Illusion' verwende als seien sie wissenschaftliche Tatsachen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001

"Kein bescheidenes Programm" hat sich der Autor vorgenommen, wie der Rezensent Helmut Mayer leicht ironisch bemerkt. So gehe es um in diesem Band um Fragen des Bewusstseins, der Willensfreiheit und der Gefühle - alles Fragen, die das menschliche Selbstverständnis berührten und die alle aus der Perspektive der Hirnforschung erläutert würden. Den Verdienst sieht Mayer dann auch darin, dass der Autor die Forschungsliteratur ausführlich referiert und durch die Anbindung des Subjekts an seine Naturbasis "hochfliegende Ansprüche" insbesondere der Geisteswissenschaftler ernüchtere. Dennoch findet Mayer, dass manche Schlussfolgerungen aus diesen Argumentationen etwas wie Spiegelfechterei anmuten, zum Beispiel wenn der Autor beweisen wolle, das die "Ichs bloße virtuelle Akteure" sind, während er gleichzeitig auch den Nachweis erbringe, dass man diese Täuschung gar nicht umgehen könne.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2001

Ansgar Beckermann bietet in seiner Doppelrezension eine vergleichende Lektüre, die geradezu zu einem Wettbewerb ausartet: zwischen dem Naturwissenschaftler Roth und dem Philosophen Pauen. Der Ausgang ist klar, Sieger nach Punkten, wenn nicht gar durch philosophischen KO: Michael Pauen.
1.) Gerhard Roth: "Fühlen, Denken, Handeln"
Der Neurologe Gerhard Roth plädiert für ein neues Menschenbild: das (angeblich) alte vom Menschen als Herrn im eigenen Haus, als selbstverantwortlich Handelndem, vom Ich als der Zentrale aller Entscheidungen des Individuums, möchte er entsorgen. Dagegen will er eines setzen, das den Menschen in evolutionärer Kontinuität mit den Tieren sieht und vor allem die Willensfreiheit als die Mär erkennt, die sie seiner Ansicht nach ist. Beckermann kann Roth dabei kaum einmal folgen, und zwar vor allem deswegen, weil dieser von falschen Vorannahmen und schlechten Oppositionen ausgehe. Insbesondere Roths ständiges von "dem Ich" findet Beckermann fatal; das ist, seiner Meinung nach, "philosophischer Unsinn" und zeuge "ex negativo" von dem Cartesianismus, den Roth gerade abschaffen will.
2.) Michael Pauen: "Grundprobleme der Philosophie des Geistes"
Die richtig gestellten Fragen und noch dazu gute Antworten findet der Rezensent dagegen bei Michael Pauens Überblicksdarstellung, die den Stand der Diskussion, wie er findet, "solide" und "lesbar" zusammenfasst. So versteht er die Entwicklung der Subjektivität als komplexen Lernvorgang, dessen Ergebnis "die Fähigkeit kognitiver Wesen, sich selbst als Teil der eigenen Umwelt zu repräsentieren" ist. Auch zum Problem der Willensfreiheit hat Pauen nach Ansicht Beckermanns die überzeugenderen und vor allem differenzierteren Antworten. So zeige er etwa, dass die Libetschen Experimente, die zu zeigen scheinen, dass Entscheidungen dem Bewusstsein voraus liegen, durchaus mit einer modifizierten Auffassung von der Willensfreiheit kompatibel sind.
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