George Saunders

Lincoln im Bardo

Roman
Cover: Lincoln im Bardo
Luchterhand Literaturverlag, München 2018
ISBN 9783630875521
Gebunden, 448 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Willie mit elf Jahren. Laut Zeitungsberichten suchte der trauernde Vater allein das Grabmal auf, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten. Im Laufe dieser Nacht, in der Abraham Lincoln von seinem Sohn Abschied nimmt, werden die Gespenster wach, die Geister der Toten auf dem Friedhof, aber auch die der Geschichte und der Literatur, reale wie erfundene, und mischen sich ein. Denn Willie Lincoln befindet sich im Zwischenreich zwischen Diesseits und Jenseits, in tibetischer Tradition Bardo genannt, und auf dem Friedhof in Georgetown entbrennt ein furioser Streit um die Seele des Jungen, ein vielstimmiger Chor, der in die eine große Frage mündet: Warum lieben wir überhaupt, wenn wir doch wissen, dass alles zu Ende gehen muss?

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.06.2018

Wie schreibt man über die Toten? Andreas Isenschmid weiß es, seit er George Saunders gelesen hat. Dessen Roman über das Jahr 1862, über historische wie private Tragödien, inszeniert als Totengespräch einer Nacht, hat es Isenschmid angetan. Nicht nur Lincoln und seine Trauer über den Tod des Sohnes kommen vor und dem Rezensenten nahe, die knappen, temporeich arrangierten Prosastücke der toten Seelen im Zusammenschluss mit echten und erdachten Quellenzitaten setzen sich für den Rezensenten zu einem Spiegel Amerikas der 1860er Jahre zusammen, der die Sklavenfrage ebenso beleuchtet wie die puritanische Sexualmoral. Dass all das ohne Kitsch abgeht, hält Isenschmid für ein kleines Wunder.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.05.2018

Rezensentin Angela Schader gefällt der skurrile Geistertanz von George Saunders. Historie und Märchen geben sich die Hand und einen attraktiven Erzählmodus, meint Schader, wenn der Autor vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs Lincoln Junior zu Grabe trägt und die Geister auf dem Friedhof palavern lässt. Die Montage von Zeitzeugenzitaten, Auszügen aus Sachbüchern und zeitgenössischen Briefwechseln, der tumultöse Stimmenreigen der toten Seelen, kongenial übersetzt von Frank Heibert, so Schader, birgt für die Rezensentin Drive genug, auch wenn die Haupthandlung in einer einzigen Nacht spielt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.05.2018

Lange hat Rezensent Ulrich Baron kein Buch mehr gelesen, das die "Schönheit der Welt" derart feiert wie Georg Saunders' erster Roman. Und so lässt sich der Kritiker von Saunders auch gern mit ins "Bardo" nehmen, jenen Zwischenzustand, der im "Tibetanischen Totenbuch" das Umherirren zwischen Tod, Wiedergeburt und Nirvana beschreibt, wie Baron informiert. Anhand von Studien, zeitgenössischen Dokumenten, Augenzeugenberichten und mit einer reichen Erfindungsgabe rekonstruiere der Autor die Umstände um den frühen Tod von Abraham Lincolns Sohn Willie, fährt der Rezensent fort, der bewegt beobachtet, wie Lincoln das tote, im Bardo verharrende Kind in den Armen hält. Allein wie geschickt Saunders Szenen aus dem Totenreich und solche aus dem Bürgerkrieg "mosaikartig" zusammensetzt, hat den Kritiker beeindruckt. Vor allem aber bewundert er das Vermögen des Autors, sich in verschiedene sprachlichen Sphären einzufühlen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2018

Sandra Kegel bekommt mit George Saunders einen etwas anderen Roman. Eher wie ein Drehbuch oder ein Theaterstück kommt ihr das als Romandebüt des Autor verkaufte mitunter recht derbe Totenpalaver vor, das der Autor hier inszeniert beziehungsweise nicht inszeniert, sondern als ein Haufen Miniaturmonologe aneinanderreiht und zu einem laut Kegel vielstimmigen Chor montiert. Nicht einfach zu lesen, meint die Rezensentin, die nach Eingewöhnung allerdings erkennt: Der Text hat es in sich, nämlich zeitgenössische Zeugnisse wie Tagebuchnotizen und Briefe aus dem Jahr 1862 und die Totenklage Lincolns um seinen Sohn nebst Wissenswertem darüber, wie Geschichte aus Geschichten entsteht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.05.2018

Sylvia Staudes Gefühl nach hätte sich George Saunders die Grusel-Action gegen Ende seines Romans auch sparen können. Das Totengespräch von Gurkenfabrikanten, Sklaven, Geistlichen und Politikern (vor allem Lincoln), das der Autor sich halb ausdenkt, halb anhand von zeitgenössischen Quellen des Jahres 1862 rekonstruiert, macht ihr auch so Spaß. Das Chaos, der Aufruhr, das Maulende, Fluchende wie auch das "Dunkel-Zarte" des Gespenstergelages sagen ihr zu. Die Echtheit der vom Autor hineinmontierten historischen Zitate möchte Staude gar nicht überprüfen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.05.2018

Wieland Freund ist überrascht, wie in George Saunders' historischem Roman der Leidenszyklus im Totenreich unversehens zum Fest des Lebens umgebogen wird, noch dazu ganz unkitschig. Tollkühn findet er das. Das Buch erinnert ihn ans Purgatorium, aber auch an die gute alte viktorianische Spukgeschichte, an antike Tragödien und derbe Mysterienspiele. Der Chor der Geister, der die zentrale Erzählstimme ersetzt, versetzt mit zeitgenössischem dokumentarischen Material, hat es Freund angetan, auch wenn außer den Gefühlen im Buch nichts verlässlich ist, wie der Rezensent feststellt.