Ralf Rothmann

Der Gott jenes Sommers

Roman
Cover: Der Gott jenes Sommers
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018
ISBN 9783518427934
Gebunden, 254 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Ein Kind im Krieg: Anfang 1945 muss die zwölfjährige Luisa Norff mit ihrer Mutter und der älteren Schwester aus dem bombardierten Kiel aufs Land fliehen. Das Gut ihres Schwagers Vinzent, eines SS-Offiziers, wird ein unverhoffter Raum der Freiheit: Kein Unterricht mehr, und während alliierte Bomber ostwärts fliegen und immer mehr Flüchtlinge eintreffen, streift die Verträumte durch die Wälder und versucht das Leben diesseits der Brände zu verstehen: Was ist das für eine Beunruhigung, wenn sie den jungen Melker Walter sieht, wer sind die Gefangenen am Klostersee, wohin ist ihre Schwester Billie plötzlich verschwunden, und von wem bekommt die Perückenmacherin eigentlich die Haare? Und als ihr auf einem Fest zu Vinzents Geburtstag genau das widerfährt, wovor sich alle Frauen in jenen Tagen fürchten, bricht Luisa unter der Last des Unerklärlichen zusammen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.06.2018

Rezensentin Beatrice von Matt scheint es, als wolle Ralf Rothmann in seinem zweiten Roman über die letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs noch einmal eindringlich die Schrecken des Krieges vergegenwärtigen. So kontrastiere er die Erzählung von der zwölfjährigen Luisa, die er auf einem ländlichen Gut in Schleswig-Holstein unweit des brennenden Kiels ein prekäres Dasein fristen lässt, mit dem Bericht eines alten Gelehrten vom Dreißigjährigen Krieg. Sprachlich imposant, bildgewaltig und mithilfe einer eindrucksvollen jugendlichen Protagonistin zeige er auf, wie selbst die Überlebenden zu Kriegsopfern werden, da sie zu viel gesehen und erlebt haben. Für die Rezensentin sind Rothmanns Romane wegen dieser eindrücklichen Zeichnung des Lebens ins Kriegszeiten äußerst wichtige Bücher.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.06.2018

Ralf Rothmanns zweiter Roman, "Der Gott jenes Sommers", hat Rezensent Christian Thomas die Alltäglichkeit des Schreckens in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs vergegenwärtigt. Die zwölfjährige Luisa ist mit ihrer Familie auf ein Gut in Schleßwig-Holstein geflüchtet, das von direkten Kriegshandlungen zwar verschont bleibt, aber dennoch täglich von ihren Begleiterscheinungen eingeholt wird, fasst Thomas die Romanhandlung zusammen. Luisa muss Ermordungen, Plünderungen, Vergewaltigung, Desinformation und die allgemeine Verrohung auch den Liebsten gegenüber als Normalität erleben, so Thomas. Da Rothmann zum Beispiel detailliert auf Gerüche eingeht, kann der bewegte Rezensent die Schrecken besonders sinnlich miterleben. Die fantasiereichen sprachlichen Bilder, mit denen er sie heraufbeschwört, gehören für Thomas zum typischen Handwerkszeug Rothmanns, dessen "metaphysisch getönter Hyperrealismus" ihn sowohl tief beeindruckt als auch beschämt über die menschliche Grausamkeit zurücklässt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2018

Rezensent Jan Wiele hält den literarischen Ertrag des neuen Romans von Ralf Rothmann für gering. Die Geschichte über das nationalsozialistische Deutschland in seinen letzten Zügen findet er konventionell und etwas disparat gefasst, die Figuren schlicht gestrickt, und das schleswig-holsteinische Lokalkolorit samt Plattdütsch reißt es für ihn auch nicht raus. Im Kern scheint ihm der Roman ein Jugendbuch, zu empfehlen allenfalls denjenigen, die noch nie eine Geschichte über das Ende des Zweiten Weltkriegs gelesen haben. Alle anderen sollen doch Arno Schmidt lesen, meint Wiele.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.05.2018

Anschaulich und suggestiv findet Rezensent Tilman Krause, wie Ralf Rothmann in seinem neuen Roman "Der Gott jenes Sommers" vom Kriegskind Luisa erzählt, die den Zweiten Weltkrieg unter relativ günstigen Umständen erlebe, denn auf Gut Bovenau bei Rendsburg fallen keine Bomben. Dennoch bleiben ihr weder das allgegenwärtige Leid um sie herum noch eine Vergewaltigung erspart, informiert der Rezensent. Dass sie dennoch eine Figur von beispielhafter Güte und poetischem Feingespür bleibt, überführt den Roman für Krause von einem Historienroman in eine parabelhafte Erzählung von Menschlichkeit. So mutet "Der Gott jenes Sommers" für den Rezensenten zwar stellenweise etwas penetrant katholisch an, aber dennoch beeindruckt ihn Rothmanns Talent für dezente Symbolik, die "ohne jeden Sonntagsredenschmu" auskomme.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.05.2018

Thomas E. Schmidt schreibt mit kaum gezügeltem Ärger über Ralf Rothmanns neuen Roman, der von den Nöten einer geflüchteten Familie am Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt. Das gedankliche Konzept, durch die Sicht eines Kindes von den Schrecken zu erzählen und dabei doch irgendwie die deutsche Unschuld zu retten, kennt Schmidt bereits zur Genüge, sympathischer wird sie ihm auch bei Rothmann nicht, zumal Schmidt dem Autor rundheraus die Kunstfertigkeit abspricht, mit seiner dialogschwachen Prosa Wahrhaftiges einzufangen. Die moralische Simplizität - den fressenden, saufenden kriegsgeilen SS-Männer steht die lesende Luisa gegenüber - findet Schmidt ebenso abschreckend wie die konventionellen Bilder und Geschichten, die Rothmann für seine Geschichte findet. Hier gebe es keinen Schrecken, "keine Schuld und keine Scham", entsetzt sich Schmidt, und mit der kleinen Luisa statuiere Rothmann "ein Exempel protestantischer Kulturfrömmigkeit".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.05.2018

Rezensent Christoph Bartmann mag die laut Peter Handke "mit Absicht verschmutzte Sprache auf der Suche nach Reinheit" von Ralf Rothmann. Entsprechend begeistert nimmt der Kritiker diesen neuen Roman zur Hand, den er als "Spin-Off" von "Im Frühling sterben" liest und der ihm alles bietet, was er an Rothmann schätzt: Eine deftige, mitunter "zotige" Sprache, fesselnde Schilderungen von harter, körperlicher Arbeit und jenes Quäntchen Komik, dank dessen der Rezensent Rothmann auch eine gewisse "Gottesnähe" verzeiht. Und wie der Autor seine Geschichte um die zwölfjährige Luisa, die 1945 die letzten Kriegsmonate unter Melkern auf dem Gut ihres nationalsozialistischen Schwagers verbringt, mit Andreas Gryphius und einer Binnenerzählung aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges kurzschließt, hat Bartmann ohnehin beeindruckt.
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