Franz Baermann Steiner

Feststellungen und Versuche

Aufzeichnungen 1943 - 1952
Cover: Feststellungen und Versuche
Wallstein Verlag, Göttingen 2009
ISBN 9783835305489
Gebunden, 538 Seiten, 36,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Ulrich van Loyen und Erhard Schüttpelz. Der dritte und abschließende Band der Werke in Einzelausgaben von Franz Baermann Steiner liefert eine umfassende Auswahl aus den unveröffentlichten Notizen des Lyrikers und Sozialanthropologen: Die gut 5.000 Ringbuchseiten aus dem Nachlass, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt sind, enthalten eine Fülle von kurzen Texten ohne Gattungsbeschränkung: Aphorismen, Essays, lyrische Gedanken, Sprachphilosophisches, Satiren und Polemiken. Die Erfahrungen des Exils, religiös grundierte Zivilisationskritik finden sich darin ebenso wieder wie literatursoziologische und -typologische Überlegungen. Steiners Notizen sind vergleichbar mit den zur gleichen Zeit begonnenen Aufzeichnungen des mit ihm befreundeten Elias Canetti ("Die Provinz des Menschen").
Auch durch die hier erstmals veröffentlichten Tagebücher gewährt dieser Band Einblicke in die Werkstatt und innere Biografie einer singulären Schriftsteller- und Gelehrtenexistenz. Sie erhellen die Emigrantenszene in England, ein Klima, in dem eifersüchtig um das Copyright auf die eigenen Ideen gefochten wird. Darüber hinaus bieten sie Einsicht in die skrupulöse Religiosität des Protagonisten. Schließlich zeichnet sich eine Liebesgeschichte ab, für die die Zeit zu knapp bemessen war: Steiners letzte Monate mit der Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2010

Hier ist eine große Entdeckung zu machen, verspricht der Rezensent Richard Kämmerlings. Geradezu unfassbar muss es scheinen, dass ein Denker und Autor von der Statur Franz Baermann Steiners bis heute, und das heißt fast sechzig Jahre nach seinem sehr frühen Tod, fürs breitere Publikum nicht zu entdecken war. Steiner lebte in Prag, studierte Ethnologie und überlebte - seine Eltern starben in Theresienstadt - in London. Er war mit Elias Canetti befreundet, was ein Verhältnis der Konkurrenz freilich nicht ausschloss. Vor allem aber war er, so Kämmerlings, ein origineller Denker, der im Aphorismus und im Essay die ihm gemäßesten Ausdrucksformen fand. Die Behauptung der Herausgeber, es handle sich bei diesem Abschlussband der Werkausgabe um ein "Schlüsselwerk der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur" scheint dem Rezensent fast noch untertrieben. Als "Denker des Religiösen", der viele spätere kulturwissenschaftliche Erkenntnisse vorwegnahm, ist eine bedeutende Figur der Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts nun endlich, feiert Kämmerlings diese Edition, zum "Nachleben" erweckt.