Ford Madox Ford

Manche tun es nicht

Roman
Eichborn Verlag, Berlin 2003
ISBN 9783821807102
Gebunden, 433 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Joachim Utz. England, unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkriegs: Christopher Tietjens ist ein perfekter englischer Gentleman mit nahezu unmenschlicher Selbstbeherrschung - zum Glück, denn andernfalls wäre er vermutlich schon längst zum Mörder geworden. Seine impulsive Frau Sylvia lässt keine Gelegenheit aus, ihn lächerlich zu machen, zu demütigen und zu erniedrigen. Ihr Furor gilt seiner standesgemäßen Selbstlosigkeit, seiner perfekt abgeschotteten Gefühlswelt - kurz: jener Englishness, die seinem Leben in einer immer intriganter und korrupter werdenden Umwelt Halt und Form gibt. Je unnahbarer er sich gibt, desto wütender wird Silvia. Tietjens flieht in den Weltkrieg. Im Bombenhagel glaubt er sich in Sicherheit - aber Sylvia verstrickt ihn in einen fürchterlichen Zweifrontenkrieg.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2004

Man könnte es leicht peinlich finden, meint Rezensent Uwe Pralle, "wie Ford mit seiner Apotheose der Keuschheit die eigene Vita frisiert hat" (schließlich zwangen ihn Vorwürfe der Untreue ins Exil nach Frankreich), dennoch ist "Manche tun es nicht", die Geschichte um den Gentleman Christopher Tjetjens, ein bemerkenswerter Roman "über die Londoner Gesellschaft, den englischen Landadel und die intellektuelle Bohème" des anbrechenden 20. Jahrhunderts. Tjetjens, so der Rezensent, ist ein "Heiliger der anglikanischen Spielart", ein gesellschaftlich angesehener Gentleman, der von seiner Frau nach Strich und Faden betrogen wird, sich jedoch selbst nichts zuschulden kommen lässt. Das braucht er auch nicht, um seinen Niedergang anzutreten, so der Rezensent weiter, denn das erledigt die feine Gesellschaft für ihn, indem sie ihn ausgerechnet der "moralischen Verfehlung" bezichtigt, derer sie sich selbst schuldig macht: der Untreue. "Mit unübersehbarer Lust daran, offenzulegen, was sonst totgeschwiegen wird" detailliert der Autor das "feinmaschige Geflecht" einer "moralgebundenen Gesellschaft" und deren verstrickter Interessen. Das wirklich Pikante und Bemerkenswerte an "Manche tun es nicht" besteht für den Rezensenten jedoch darin, dass Ford Madox Ford weniger die Untreue an sich verurteilt, sondern die "Substitution von moralischer Integrität durch bigottes Gerede".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.01.2004

Stets stand Ford Madox Ford im Schatten seiner berühmteren Zeitgenossen, mit denen er zu einem guten Teil sogar befreundet war: von Yeats bis Hemingway, von Conrad bis Joyce. Bekannt ist er am ehesten noch als Förderer der Kollegen, Hemingways etwa, der ihm das allerdings unfreundlich vergalt. In Deutschland war von Fords beträchtlichem eigenen Werk bis zum heutigen Tag in erster Linie sein 1962 erstmals übersetzter Roman "Die allertraurigste Geschichte" bekannt. Mit der Übertragung des weiteren Großwerks "Manche tun es nicht" ist nun, hofft Gerrit Bartels, die Möglichkeit zur Entdeckung dieses bedeutenden Autors endlich eröffnet. In dem eigenständigen ersten Band des Zyklus' "Parades End" geht es um Christopher Tietjens, Mitglied der britischen Upper Class, der er sich freilich nicht mehr zugehörig fühlen will. Er wird zum "Rebellen mit Attitüde" und, hier wird's dem Rezensenten ein wenig unbehaglich, zum "guten Menschen von England". Dem Buch als ganzen tue diese etwas üppig und "holzschnitthaft" ausgefallene Idealisierung des Helden (in dem Ford sich gerne selbst wiedererkannt hätte) aber kaum Abbruch, beruhigt Bartels. Das Porträt einer Gesellschaft mit - dies ein Auszug - "flatterhaften Ladies, geilen Gentlemen, verliebten Bankiers, standesbewussten Generäle, armen, aber angesehenen Schriftstellerinnen" vermag bis heute einzunehmen, versichert unser Rezensent. Und auf dem formalen Stand der literarischen Moderne, der mit Namen wie Proust oder Joyce markiert ist, befinde sich Ford Madox Ford ohnehin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.01.2004

Almut Finck weist Ford Madox Fords Roman einen Platz cirka im unteren Teil des oberen Drittels der Literaturgeschichte zu: "Kein weltliterarischer Klassiker, aber ein veritabler Gesellschaftsroman", schreibt sie über "Manche tun es nicht", worin der britischen Oberschicht mit traurigem Zynismus beim Untergang zugeschaut wird. Während - man schreibt das Jahr 1914 - auf dem europäischen Kontinent der Krieg tobt, ergeht sich der Adel in Konversation über die neuesten Personalien. Mittendrin: Christopher Tietjen, ein "Ritter der Selbstbeherrschung" und der letzte Tugendhafte seiner Gesellschaftsschicht, eine trotz ihrer gewissen Exotik durchaus komplex gestaltete Figur. Andere Protagonisten dagegen, bemängelt Finck, seien dem Autor etwas zu holzschnittartig geraten. Alles in allem aber ein gelungenes "Sittenpanorama", eine "Charakterstudie einer längst ausgestorbenen Spezies Mensch", die Joachim Utz vortrefflich - vor allem was den Konversationsstil und die "elegant gedrechselten Erzählpassagen" angeht - ins Deutsche übersetzt habe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.12.2003

"Man lässt eine Gesellschaft sich zu Tode reden, die Englischness an der Trivialität ihres Englisch zugrunde gehen", fasst Dieter Hildebrandt in seiner Besprechung die Idee des 75 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung nun auch auf deutsch vorliegendem Roman von Ford Madox Ford zusammen. Zunehmend zeichne sich "die Gestalt eines "Jahrhundertautors" ab, sagt Hildebrandt ohne euphorischem Unterton und stellt den Autor auf eine Stufe mit Ernest Hemingway, James Joyce und Virginia Woolf. Durch sein Katastrophenbewusstsein sei der Roman epochentraumatologisch mit dem Zauberberg Thomas Manns verwandt: "Manche tun es nicht" führe die Zerstörung der Epoche durch die Darstellung der "Sprech- und Etiketten-Allüren seiner Klasse" vor. Die Demaskierung funktioniert nicht, kritisiert Hildebrandt, sondern beeinträchtige die Lektüre und der Leser werde durch die Darstellung der peinigenden Sprache nur selbst gepeinigt. Aber in diesem Buch verberge sich auch ein Liebesroman und damit "eine der leisesten, behutsamsten, ja subversivsten Liebesgeschichten in der Literatur des 20. Jahrhunderts", schwärmt der Rezensent. Es sei die Romanze einer "hinreißenden Entsagung". Sie tun es nicht: Nicht aus Verklemmtheit, sondern aus einem seelisch-erotischen Elitebewusstsein, einer Schonung der Zärtlichkeit und einem Versprechen auf die Zukunft, erklärt Hildebrandt den Titel des Romans.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.12.2003

Wie Rezensent Heinz Schlaffer erklärt, erschien Ford Madoyx Fords Roman inmitten einer Cosi-fan-tutte-Welle (Alle tun's - gemeint ist der Seitensprung) der englischen Moderne. Fords Replik auf das "Alle tun's" laute denn eben: "Manche tun es nicht" und erhebe die moralische Überlegenheit seines christus-ähnlichen und nicht zuletzt durch die Untreue seiner Ehefrau schwer in Mitleidenschaft gezogenen Helden Christopher Tietjens zum Gegenmodell. Überraschend, zumal innerhalb einer Literatur, die ganz in der Tradition der Austenschen Zurückhaltung stehe, sei auch der "wüste" Ton, in dem Held und seine "satanisch" unkeusche Sozietät miteinander umgehen. Darin glaubt der Rezensent Fords deutsches Erbe (sein Vater war Deutscher) zu erkennen, schließlich setzte niemand Grobheit so sehr mit Aufrichtigkeit gleich wie die Deutschen. Dieser allseitigen Wüstheit zum Trotz nehme sich der Gegensatz zwischen Gut und Böse jedoch allzu "schlicht" aus. Und geradezu "peinlich" findet der Rezensent, dass Held und Autor so starke Ähnlichkeit aufweisen und die Heiligkeit des Helden gleichsam auf den Autor zurückverweisen soll. Doch - wie der Rezensent zynisch bemerkt: In unsere heutige Zeit passt der Roman vorzüglich, und er wird auf ein "dankbares Publikum" stoßen, das sich nichts sehnlicher wünscht, als die 68er-Befreiung zur gesellschaftlichen Zersetzung zu erklären und ins Körbchen der Keuschheit zurückzuhuschen.
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