Neil Belton

Die Ohrenzeugin

Helen Bamber - Ein Leben gegen die Gewalt
Cover: Die Ohrenzeugin
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783100056047
Gebunden, 461 Seiten, 25,46 EUR

Klappentext

Folter - wie nähert man sich einem Thema, das sich jeglicher Beschreibung entzieht? Neil Belton gelingt dies mit der Biographie Helen Bambers. Helen Bamber wuchs während des Zweiten Weltkriegs in London auf. Unmittelbar nach dem Krieg ging sie, knapp zwanzigjährig, nach Bergen-Belsen, um dort den Überlebenden zu helfen. Nach London zurückgekehrt, betreute sie dort zunächst Kinder und junge Erwachsene, die die Qualen in den KZs überstanden hatten. Sie engagierte sich für die Einrichtung von Kinderstationen, wo Mütter bei ihren kranken Kindern bleiben konnten, und wurde später zu einer zentralen Figur für die Arbeit von amnesty international.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2000

Almut Finck schätzt an diesem Buch besonders den "differenzierten Blick" des Biografen, der ihrer Ansicht nach die schwierige Gratwanderung, Helen Bamber einerseits mit der gebührenden Anerkennung zu begegnen ohne andererseits dabei Problematisches zu verschweigen, glänzend gelungen ist. So wird nach Fink deutlich, wie genau Bamber frühzeitig erkannt hat, dass das Reden von Folteropfern diese aus der "fatalen unfreiwilligen Komplizenschaft mit ihren eigenen Peinigern" befreit, weil Verbrecher sich nur allzu oft auf das Schweigen der Opfer verlassen. Zum anderen habe Belton auch Bambers persönlichen Motiven nachgespürt, ohne dabei ihre Leistung in Abrede zu stellen. Wichtig findet die Rezensentin außerdem, dass es gelungen ist, die Erlebnisse von Folteropfern so zu schildern, dass der Leser das Buch nicht gleich entsetzt wieder zuklappt, andererseits diese Erlebnisse nicht banalisiert werden oder den Opfern bei der Darstellung ihre Würde genommen wird.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.07.2000

Dorion Weickmann sieht die englische Menschenrechtsaktivistin Helen Bamber in Neil Beltons "glänzender Studie" mit Hochachtung behandelt, ohne dass ihre widersprüchlichen Seiten verschwiegen werden. Weickmann folgt Beltons biographischen Etappen: dem prägenden Erlebnis bei der Befreiung von Bergen-Belsen, der Heirat mit einem Überlebenden des Holocausts - die Ehe scheiterte -, das Engagement bei Amnesty International, der hartnäckige Einsatz für Opfer von Folter und Diktatur. Was Bamber in ihrer eigenen Familie nicht gelang, schreibt Weickmann, schaffte sie im persönlichen Einsatz und Umgang mit unterdrückten und verfolgten Menschen, denen Beltons Bericht, so Weickmann, ganz im Sinne von Helen Bamber eine eigene Stimme zu verleihen sucht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.04.2000

In ihrer Rezension klärt Elke Schubert zunächst darüber auf, dass es sich bei Helen Bamber um die Gründerin des Zentrums für Folteropfer in London handelt, die vor allem die Notwendigkeit erkannt hat, dass Opfer von Terror und Gewalt einen Ansprechpartner brauchen, dem sie ihre schrecklichen Erlebnisse mit Worten mitteilen können (Schubert findet denn auch den englischen Titel "The Good Listener" wesentlich treffender). Belton beschränkt sich aber hier nicht mit einer Aufzählung von biografischen bedeutenden Begebenheiten. Der Wert des Buches liegt nach Schuberts Ansicht vor allem in Beltons kritischem Blick, den er auf die Motive Bambers und ihrer Mitarbeiter richtet, sowie der Tatsache, dass er den "namenlosen Opfern ein Gesicht und ihre Geschichte zurückgibt", da er einige dieser Schicksale genauer beleuchtet und das Thema dadurch weniger abstrakt bleibt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.04.2000

Nach zweieinhalb Jahren Interviews mit Helen Bamber, Gründerin der in London ansässigen "Medical Foundation for the Victims of Torture", hat der irische Schriftsteller Belton, schreibt Thomas Kleinspehn, eine schwer erträgliche, dabei nüchterne und notwendige Biografie über sie geschrieben. Belton vollzieht ihren Weg nach, der zunächst vom Londoner Eastend in das soeben befreite Lager Bergen-Belsen führte. Zu diesem Einsatz hatte sich die 19-jährige Krankenschwester gegen den Willen ihrer jüdischen Familie freiwillig gemeldet. Die Menschen, die zu Opfern bzw. Überlebenden wurden, haben sie von da an Zeit ihres Lebens nicht mehr losgelassen. Und Neil Belton legt nahe, so Kleinspehn, dass die Obsession des Kümmerns und Zuhörens mit dem Schweigen zu tun hatte, das in ihrer Familie herrschte, in der über die erlittene Verfolgung (im Heimatland der Großeltern, Polen) nicht gesprochen wurde. Vorsichtig vermerkt er außerdem, dass offenbar weder ihre Ehe mit einem deutschen Überlebenden noch ihre beiden Söhne, die Belton ebenfalls interviewte, die Schwere ihrer Ohrenzeugenschaft unbeschadet überstanden haben.
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