Anatolij Marienhof

Der rasierte Mann und Zyniker

Zwei Romane
Cover: Der rasierte Mann und Zyniker
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783821845029
Gebunden, 295 Seiten, 27,61 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Brigitte van Kann und Gregor Jarcho. Diese beiden Bücher sind siebzig Jahre alt. Doch knappe Sätze, Bilder, in denen Hohes und Niedriges zusammenschießt, rapider Schnitt wie in einem Eisenstein-Film: das ist eine Ästhetik, die eher der Gegenwart angehört als der russischen Tradition. Beide Romane spielen vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution ? Umwälzungen, die Marienhof gleichsam aus dem Augenwinkel filmt. Seine Protagonisten aber interessieren sich ausschließlich für ihre Liebe und ihren Hass. Die Revolution lässt sie kalt. Für ihr Glück spielt sie nur dadurch eine Rolle, dass sie es sabotiert. Der Kommunismus stellt sich ihnen als lebensgefährliche Groteske dar. Während um sie eine Welt zerfällt, verteidigen sie rücksichtslos und vergeblich den Egoismus ihrer Gefühle.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.12.2001

Anatolij Marienhof war ein Freund Sergej Jessenins, der ihn entdeckte und förderte; dafür blieb aber Marienhof, informiert uns Olga Martynova, als Biograf Jessenins "in den Fußnoten stecken". Obwohl Marienhof seinen Freund und Förderer wie auch die stalinistischen Säuberungen überlebte. Er zog nach Leningrad, was ihm, mutmaßt Martynova, das Leben gerettet haben könnte. Die Rezensentin begrüßt ausdrücklich die Neuübersetzungen der beiden Romane, die aus den 20er Jahren stammen, aus einer Zeit also, bevor sich der Autor in ein möglichst unauffälliges Leben und Wirken im Rahmen des sowjetischen Schriftstellerverbandes fügte. "Der rasierte Mann" spielt in Moskau - eine Liebesgeschichte vor revolutionärem Hintergrund -, während "Zyniker" in der Provinz angesiedelt ist, so Martynova. Beiden Romanen sei jedoch ein ähnlicher "Tonfall zwischen Dandytum und Futurismus" zu eigen, beide zeugten von Marienhofs "paradoxem, dynamischen Stil". Vor etwa zehn Jahren wurde Marienhof in Russland wiederentdeckt, erzählt Martynova und hofft auf ein Übersetzung von Marienhofs wichtigsten Roman über "Katharina die Große".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.09.2001

Die zwei Romane, die in einem Band erschienen sind, bespricht die Rezensentin Katharina Döbler in der Reihenfolge, die das Buch vorgibt. Die Chronologie freilich ist umgekehrt, wie man erfährt. "Der rasierte Mann" nämlich musste im Berliner Exilverlag Petropolis erscheinen, weil Marienhof sich mit "Zyniker" in der Sowjetunion zur "Persona non grata" gemacht hatte. Im späteren Roman, in dem die Rezensentin vage Anspielungen auf die zerbrochene Freundschaft Marienhofs zu Sergei Jessenin erkennt, erhängt ein Ich-Erzähler, der ein weiterer "nichtswürdiger Mensch" in der langen Tradition der russischen Literatur ist, seinen langjährigen Freund. In Episoden wird die "Geschichte einer Gruppe von jungen Männern" erzählt - und Döbler findet Gefallen daran, findet das Buch "oft sehr skurril, komisch und gelegentlich makaber".
Weitaus experimenteller war Marienhof in "Zyniker" vorgegangen, nämlich collagierend und montierend und dadurch an Eisenstein erinnernd. Aufgeteilt ist der Roman in kurze, tagebuchartige Abschnitte, erzählt wird die Geschichte eines bourgeoisen Paares, das zynisch und narzisstisch wenig Interesse an der Gesellschaft zeigt. Marienhof schlägt sich nicht auf ihre Seite - wenig Freude aber hatten die Aufsichtsbehörden der jungen Sowjetunion am gemischten Bild der Situation im Land, das der Autor zeichnet. Übers Zeitbild hinaus findet Döbler diesen wie auch den anderen Roman poetisch reizvoll: insbesondere die "drastischen und eindrucksvollen, symbolisch aufgeladenen Bilder" haben es ihr angetan.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2001

Auch wenn Stefanie Flamm den Autor nicht für einen der "ganz Großen seiner Zeit" hält, so scheint sie den beiden Romanen - bei aller Kritik - doch auch etwas abgewinnen zu können. So hält sie viele Werke Marienhofs für geradezu "präzise Chroniken der frühen Sowjetunion", wobei sie allerdings betont, dass es sich bei den vorliegenden Romanen nicht primär um politische Romane handelt. Vielmehr rechne hier ein "Ästhet und Dandy mit einer Revolution ab", die ihre Luxus-Versprechen nicht einlösen konnte. Ekel und Dreck spielen nach Flamm in diesen Romane eine große Rolle. Gut gefallen der Rezensentin die Passagen des Buchs, in denen Marienhof etwa Wochenschaubilder unkommentiert wiedergibt und diese mit der Liebesgeschichte im Roman "Zyniker" verbindet. Schwach hingegen findet Flamm Marienhofs poetische Versuche, weil diese ihrer Ansicht nach nicht gut mit dem "bitter-lakonischem Kaleidoskop von Episoden, Eindrücken und Ereignissen" zusammen passen. Auch "Der rasierte Mann" ist vor allem von einem "lakonischen, sporadischen Erzählstil" geprägt, findet Flamm. Es gehe darum, dass sich ein "hässliches und schwaches Individuum vom eigenen Über-Ich" durch die Ermordung seines Vorbildes emanzipiert - ein "raffinierter Zwitter zwischen einem Abschiedsbrief (...) und einer Anklageschrift gegen einen widerwärtigen Zeitgenossen", so das Urteil der Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.08.2001

Die Besprechung der beiden Kurzromane "Der rasierte Mann" und "Zyniker" des russischen Schriftstellers Anatolij Marienhof ist Caroline Schramm viele Zeilen wert. Der Autor, der 1919 zusammen mit Schriftstellern und Malern den russischen Imaginismus begründete, sei nämlich einer, der wahrlich schreiben konnte und ganz zu Unrecht in Vergessenheit geriet, meint die Rezensentin. Umso erfreuter ist Schramm über die "sehr schön gestaltete" mit einem Nachwort und einem Anhang versehene deutsche Ausgabe. Die Rezensentin hat beide Romane - "Der rasierte Mann" handelt von der Freundschaft zweier Männer bis zur Ermordung des einen durch den anderen, "Zyniker" beschreibt den Versuch eines Paars, inmitten sozialen Elends in ein Leben der reinen Liebe zu flüchten - mit großem Gewinn gelesen. Marienhofs präziser, knapper, selbstironischer und scharfzüngiger Stil und sein Hang zu scharfen Kontrasten hat Schramm schwer mitgerissen. Den Autor hält sie für einen jener russischen Avantgardisten, die den kulturellen Reichtum der 20er Jahre in Russland deutlich vor Augen führten.