Klappentext

Aus dem Französischen von Max Henninger. 'Dunkler Kontinent', 'Elendsgebiet' oder 'Rohstofflager der Welt', noch immer denken und reden wir über Afrika in Stereotypen. Und noch immer ist der Maßstab, mit dem wir den Zustand und die Perspektive des Kontinents beurteilen, das Entwicklungsmodell des Westens, selbst wenn sich dieses weltweit als höchst zerstörerisch erwiesen hat. In seinem Manifest, das zugleich Analyse und Utopie ist, fordert Felwine Sarr eine wirkliche Entkolonialisierung Afrikas, indem es sich auf seine vergessenen und verdrängten geistigen Ressourcen zurückbesinnt, ohne gleichwohl den Kontakt mit der Moderne zu verleugnen. So findet sich eine Fülle kulturellen und geistigen Reichtums, die auf ein anderes, ausgeglicheneres Verhältnis zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur verweist. Die afrikanische Kulturrevolution bietet dabei auch für den Rest des Planeten dringend benötigte Ansätze, um eine bewusstere und würdevollere Zivilisation zu begründen. In 35 Jahren wird ein Viertel der Weltbevölkerung in Afrika zuhause sein - höchste Zeit, die verborgene Lebenskraft des Kontinents zu entdecken und das Zeitalter des Afrofuturismus einzuläuten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.05.2019

Der hier rezensierende Ethnologe David Signer hat Einwände gegen Felwine Sarrs Aufruf zur Besinnung auf afrikanische Traditionen. Wenn der Ökonom und Philosoph dem Afropessimismus und der afrikanischen Selbstentfremdung mit robustem Selbsbewusstsein begegnet, spürt Signer eine Doppelmoral, die einerseits den kolonialen Geist selbst in der Ethnologie bekämpft, andererseits aber den ethnologischen Oralitäts-Diskurs feiert, sobald er von einem Senegalesen aufgegriffen wird. Auch scheint ihm der Autor über weite Strecken allzu allgemein-philosophisch zu argumentieren. Insgesamt aber empfiehlt der Rezensent das Buch als optimistische Anregung zur Selbstverantwortung des afrikanischen Kontinents, das seine Stärken immer dann zeigt, wenn es konkret von symbolischen Gütern, Umverteilung, Familie und interethnischer Mobilität als Kapital afrikanischer Gesellschaften berichtet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 15.04.2019

In seiner ausgedehnten Besprechung reiht Thomas Palzer Felwine Sarrs Manifest für eine afrikanische Kulturrevolution in die Tradition von Aime Césaires "Négritude" und Achille Mbembes "Kritik der schwarzen Vernunft". Auf Sarrs Thesen kommt er allerdings nur recht kursorisch zu sprechen. Deutlich wird, dass der senegalesische Ökonom, Autor und Musiker eine Abkehr von westlichen Denkmustern fordert, eine Rückbesinnung auf das afrikanische Wesen, auf volkstümliche Tauschbeziehungen und "alte afrikanische Tugenden wie Nachhaltigkeit, Gemeinschaftlichkeit und Achtsamkeit". Wenn Afrika die Wiege der Menschheit war, kann der Kontinent auch seine Zukunft werden, meint Sarr, und der Rezensent nickt dazu hoffnungsvoll. Der Essentialismus dieser Argumentation stört Palzer nicht, aber ihm fällt auf, dass Sarr an den französischen Denkern der Postmoderne geschult ist. Nun gut, eine gewisse Zirkularität lässt sich nicht vermeiden, sieht Palzer ein, denns es gilt, der Welt ein neues "spirituelles Zentrum" zu geben.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.03.2019

Hätte sich Europa früher, gründlicher und konsequenter mit seinen Kolonialverbrechen auseinandergesetzt, dann hätten postkoloniale Populisten wie Felwine Sarr und Bénédicte Savoy nicht so ein leichtes Spiel, seufzt Rezensent Andreas Fanizadeh und holt zu einer Art Generalattacke auf den Afrozentrismus aus, als dessen Chef-Theoretiker er Sarr ausmacht. Dessen Buch"Afrotopia" kann er nur mit Kopfschütteln quittieren. Wenn Sarr vom "afrikanischen Menschen" spricht und eine "absolute intellektuelle Souveränität" fordert, die sich von allem befreit, was Globalisierung und Kolonialismus ab 1500 über den Kontinent gebracht haben, dann sieht Fanizadeh das nicht weit von den völkischen Konzepten der AfD entfernt. Auch dass Sarr alle Widersprüche und Gegensätze in den vorkolonialen Gesellschaft unter den Tisch fallen lasse, macht den Kritiker fassungslos: Fehden unter den afrikanischen Völkern? Eine Mitschuld der Herrscherkasten an der Versklavung ihrer Mitmenschen? Das alles gibt es bei Sarr nicht, ärgert sich der Kritiker, der auch die heutigen Eliten nicht aus der Verantwortung entlassen will. Frantz Fanon, glaubt Fanizadeh, stünde heute bestimmt nicht auf der Seite eines Regimes, das auf die eigene Bevölkerung schießen lässt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2019

Rezensent Andreas Eckert hat Felwine Sarrs "Afrotopia" mit gemischten Gefühlen gelesen. Afrika brauche eine eigene Vision, eine, in der auch Sprache, Wissen, Selbstbetrachtung und Mentalität dekolonisiert werden - so viel nimmt der Kritiker in jedem Fall aus dem mit Schwung vorgetragenen Text mit. Wenn der afrikanische Ökonom dann allerdings ansetzt, von einer Rückbesinnung auf afrikanische Traditionen zu träumen, dabei "essentialistische" Vorstellungen bemüht und im Sinne älterer panafrikanischer Denker eine mit besten Attributen ausgestattete "kontinentweite kulturelle Einheit" beschwört, vermisst der Rezensent Differenzierung und Kritik. Sarrs Ausführungen zur afrikanischen Jugend, die Respekt von den ehemaligen Kolonialherren fordere, hat Eckert indes mit Interesse gelesen.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 01.02.2019

Claudia Kramatschek erahnt bei der Lektüre von Felwine Sarrs Buch das kommende Afrika. Die Skizzierung eines künftigen, von der Fessel kolonialen westlichen Denkens und Wirtschaftens befreiten Afrikas erscheint ihr kritisch, aber auch etwas allzu zornig. Der weitausholende Gegenentwurf zum westlichen Diskurs, wie Sarr ihn vorstellt, scheint der Rezensentin spannend. Allerdings mutet er laut Kramatschek mitunter an wie die Kehrseite dessen, was er zu überwinden sucht. An manch allzu großes Wort im Text hätte ein Lektorat den Rotstift ansetzen dürfen, findet sie.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.01.2019

An Aktualität hat das bereits vor zwei Jahren erschienene Buch von Felwine Sarr, senegalesischer Ökonom und Co-Autor des Berichts über die Restitution afrikanischer Kunst, nichts eingebüßt, bemerkt Rezensent Thomas E. Schmidt: Noch immer fehlen eigene Kategorien und Narrative zur Artikulation eines afrikanischen Selbstbewusstseins und noch immer neigen die subsaharischen Länder dazu, die alten Kolonialherren zu kopieren, meint Schmidt. Ob Sarrs "afrikanisches Zivilisationskonzept", das vor allem die afrikanische Lebenskultur und "besondere Gemeinschaftlichkeit" hervorhebt, weiterhilft, bezweifelt der Kritiker allerdings: Wenn der Autor darüber nachdenkt, dass Afrika seine eigene Traditionen mobilisieren müsse, vernimmt Schmidt europäische Begrifflichkeiten und Ideen, zugleich erscheint ihm Sarrs auf "Vernunft und Profitmacherei" reduziertes Europa-Bild ein wenig simpel. Nicht zuletzt hätte er sich Ausführungen zu neueren Abhängigkeiten Afrikas, etwa von China, gewünscht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.01.2019

Jörg Häntzschel möchte sich lieber nicht über die Emphase mokieren, mit der der senegalesische Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr die afrikanischen Länder dazu auffordert, sich ihres eigenen ursprünglichen Wirtschaftens zu erinnern und zu einer geistigen Selbstermächtigung zu finden. Als Meilenstein der Postkolonialismusdebatte erscheint Häntzschel das Buch nicht zuletzt, weil der Autor den Legenden von Korruption und Misswirtschaft mit den Tatsachen über die tiefen Wunden des Kolonialismus entgegentritt. Ein wichtiges Aufklärungsbuch vor allem für Afrikaner, meint der Rezensent.
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