Ernst Jünger, Gretha Jünger

Einer der Spiegel des Anderen

Briefwechsel 1922-1960
Cover: Einer der Spiegel des Anderen
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2021
ISBN 9783608939538
Gebunden, 720 Seiten, 42,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anja Keith und Detlev Schöttker. Der Briefwechsel zwischen Gretha und Ernst Jünger geht über eine Korrespondenz zwischen Ehepartnern weit hinaus. Er liefert nicht nur Einblicke in das Privat- und Alltagsleben eines Paars zwischen Bohème und Familie, sondern ist auch ein zeitgeschichtliches und literarisches Dokument ersten Ranges. Über vier Jahrzehnte erstreckt sich der vielschichtige Briefwechsel zwischen Gretha und Ernst Jünger. Nach anfänglichen Liebesbekundungen geht es in den Briefen seit den späten 1920er Jahren um die Organisation des Familienalltags, den Freundeskreis, die politischen Verhältnisse und nicht zuletzt das Werk Ernst Jüngers. Besonders intensiv wird der Briefwechsel im Zweiten Weltkrieg, als Jünger im Führungsstab der Wehrmacht in Paris tätig war, während seine Ehefrau am Wohnort in Kirchhorst bei Hannover den Bombenkrieg miterlebte. Gretha Jünger wird nun zur Chronistin der Ereignisse, sodass die Tagebücher Ernst Jüngers ("Strahlungen") in einem neuen Licht erscheinen. Aus den knapp 2000 überlieferten Schreiben haben Anja Keith und Detlev Schöttker 350 Briefe aus den Jahren 1922 bis 1960 ausgewählt und erläutert. Ein Schwerpunkt liegt auf der Zeit des Zweiten Weltkriegs, sodass der Ehebriefwechsel zu einem einzigartigen Spiegel der Zeitgeschichte wird.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.2021

Rezensent Jens Jessen fühlt sich während der Lektüre des Briefwechsels zwischen Gretha und Ernst Jünger mitunter, als falle er "auf einen Sack voller Knochen". So "spröde" erscheinen ihm die Antworten Ernst Jüngers auf die leidenschaftlichen Briefe seiner Frau. Aber nicht nur deshalb geht Ernst aus der Korrespondenz als "moralischer Verlierer" hervor, meint der Kritiker: Obwohl es Gretha ist, die vor allem während des Zweiten Weltkrieges wesentlich kriegerischer und nationalistischrer auftritt als ihr Mann, verschlägt dem Rezensenten Ernst Jüngers Kälte bisweilen die Sprache: Während ihrer Krebstherapie, in deren Folge Gretha stirbt, wirft er ihr ihre übermäßigen Geldausgaben vor; auch die Verletzungen, die er ihr durch seine zahlreichen Seitensprünge zufügt, sieht er nicht ein. Nicht nur historisch ist diese Korrespondenz interessant, meint Jessen, der hier einen "bis zur Schäbigkeit egomanen Charakter" kennenlernt.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.11.2021

Rezensent Wolfgang Schneider empfiehlt diesen Briefwechsel zwischen Gretha und Ernst Jünger als historisches Dokument, aber auch als spannenden privaten Einblick in eine Beziehung "auf Augenhöhe". Die hier vorliegende Auswahl von 358 aus knapp 2.000 Briefen lässt den Kritiker vor allem teilhaben an dem Austausch der Eheleute während des Zweiten Weltkrieges: Jünger war als Wehrmachtssoldat in Paris, seine Frau und die beiden Söhne hielten sich im niedersächsischen Kirchhorst auf - beide schrieben einander mit unterschiedlichen Empfindungen über den Krieg: Sie verfolgte etwa gespannt die britischen Bombenangriffe, er hatte seine Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg verloren. Von einer Beziehungskrise, ausgelöst durch eine Affäre Jüngers mit einer französischen Ärztin, liest der Kritiker hier ebenso wie von den Reaktionen der beiden auf den Tod des Sohnes Ernstel, der in Italien fiel. Mitunter scheinen ihm die Briefe so berührend und privat, dass sich der Rezensent beinahe wie ein Voyeur vorkommt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.10.2021

Für den Rezensenten Jörg Magenau ist der Briefwechsel zwischen Gretha und Ernst Jünger sensationell. Er kann gar nicht genug kriegen von der Liebespost an den "Schneckerich" oder den "Schneckolino" respektive "das Schneckchen". Doch damit ist es ab Eheschließung 1925 dann auch vorbei. Die Beziehung wird frostig, förmlich und elend, weil die Frau leidet und Ernst Jünger sich in der Weltgeschichte rumtreibt. Interessant wird es für Magenau wieder, wenn Jünger aus dem Krieg berichtet, hier übt er die Stilisierung der Tagebücher ein, meint er. Reizvoll scheint ihm zu sehen, wie sich Alltag und Geschichte in der Feldpost durchdringen. So wird die Korrespondenz zum Zeitdokument, meint Magenau.
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