15 Jahre lang, von 1910 bis 1924 hat Erich Mühsam, der berühmteste deutsche Anarchist sein Leben festgehalten ausführlich, stilistisch pointiert, schonungslos auch sich selbst gegenüber und niemals langweilig. Was diese Tagebücher so fesselnd macht, ist der wache Blick des Weltveränderers. Mühsam wollte Anarchie praktisch ausprobieren. Anarchie hieß für ihn: Leben ohne moralische Scheuklappen, ohne Rücksicht auf Konventionen und er bewies, dass es geht. Auch das Schreiben ist Aktion, in allen Sätzen schwingt die Erwartung des Umbruchs mit, den er tatsächlich mit herbeiführt: Die Münchner Räterevolution ist auch die seine, und die Rache der bayerischen Justiz trifft ihn hart.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.03.2013
Band 2 und 3 der Tagebücher von Erich Mühsam lassen Oliver Pfohlmann nicht nur das Gefühlschaos eines Weltkriegschronisten miterleben, die sehr subjektiven Aufzeichnungen geben dem Rezensenten auch einen Eindruck von der Schmach schwindender Potenz und lausiger Armut. Ferner unbekannt waren Pfohlmann bislang der Frauenverbrauch Mühsams, seine Illusionen und Lebenslügen und seine Spielsucht. So nah am Hier und Jetzt, wie in diesen Aufzeichnungen hat Pfohlmann den Autor nie erlebt.
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