In der Kunstsammlung des Waffenfabrikanten Emil G. Bührle ist die kriegerische Geschichte des 20. Jahrhunderts gespeichert. Kriegsmaterialexporte an NS-Deutschland und in die Hotspots des Kalten Kriegs hatten ihn zum reichsten Schweizer gemacht. Ausgestattet mit unerschöpflichen Mitteln kaufte er Kunstwerke, die durch Ausplünderung und Vertreibung jüdischer Sammler und Galeristen auf den Kunstmarkt gespült wurden. Über Jahrzehnte schlummerte seine Sammlung in einem Privatmuseum und diente dem Ansehen der Familie Bührle. Nun soll sie im Neubau des Kunsthauses Zürich die Stadt als Kulturmetropole aufwerten. So zumindest die Hoffnung eines Zusammenschlusses verschiedener Akteure aus Politik, Wirtschaft und Museumswelt. Wie fand die durch Krieg, Vertreibung und Holocaust kontaminierte Sammlung Einzug in ein öffentliches Museum? Der Historiker Erich Keller zeigt in diesem Buch, wie flüchtig Erinnerungskultur ist - und wie stark die Forschungsfreiheit gefährdet wird, wenn sie unter den Druck einer neoliberalen Standortpolitik gerät. Er erklärt, wie historisch belastete Kunst ökonomisch verwertbar gemacht wird und was Provenienzforschung leisten könnte.Geht es um problematische Provenienzen, ist oft die Rede von "belasteten" Bildern. Doch Kunstwerke aus dem 19. Jahrhundert wussten nichts von ihrer Zukunft. Was aber wollen die Museen von ihrer Vergangenheit wissen? Debatten um Raubkunst drehen sich nicht um eine entrückte Vergangenheit, sondern stellen Fragen nach politischer Verantwortung in der Gegenwart.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 24.09.2021
Rezensent Philipp Meier scheint angesichts der Aufnahme der Kunstsammlung Bührle ins Zürcher Kunsthaus nicht ganz so aufgeregt zu sein wie der Historiker Erich Keller, der daran einiges auszusetzen hat. Immerhin ist die Präsentation der Sammlung des Waffenfabrikanten am neuen Standort der öffentlichen Diskussion förderlich, glaubt Meier. Anders Keller, der in seinem Buch die Entstehung der Sammlung zu klären sucht und die bisherige offizielle Provenienzforschung als Standortmarketing kritisiert. Als interessanter Beitrag zur Sammlung Bührle und zur Museumspolitik allgemein eignet sich der Band laut Meier jedenfalls gut.
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