Dzevad Karahasan

Berichte aus der dunklen Welt

Cover: Berichte aus der dunklen Welt
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007
ISBN 9783458173373
Gebunden, 216 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Aus dem Bosnischen von Brigitte Döbert. Zwanzig Minuten Fußweg sind es von der Lateinerbrücke, an der mit dem Attentat auf das Habsburger Thronfolgerpaar das "kurze 20. Jahrhundert" begann, bis zur Vrbanjabrücke, an der es 1992 mit der Ermordung zweier Studentinnen endete. Nüchtern und unspekulativ hellt Dzevad Karahasan die Dunkelheit auf, die über diesem Weg und den Menschen liegt, die ihn gegangen sind. Karahasan folgt den Spuren, die das 20. Jahrhundert in seiner Heimatstadt Sarajevo und in Bosnien hinterlassen hat. "Anatomie der Traurigkeit" handelt von dem Sohn eines italienischen Partisanen und einer jugoslawischen Kommunistin, der im Exil sein Leben rekapituliert. "In Prinzip Gabriel" führen Recherchen den Erzähler nach Theresienstadt. Er entdeckt, dass dort auch Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajevo, inhaftiert war. "Die Briefe aus dem Jahre 1993" berichten von einem Studenten, der seinen Dozenten mit den Briefen eines in Sarajevo Umgekommenen konfrontiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2007

Angetan zeigt sich Alexandra Kedves von diesem Band mit Dzevad Karahasans Geschichten über Bosnien und Sarajevo, auch wenn sie ihr teilweise etwa unausgegoren erscheinen. Vor ihre Augen tritt ein geschichtlich reiches, politisch und kulturell wild wucherndes Sarajevo, das"Mysterium, Mosaik und Multikulti-Ikone" zugleich sei. Karahasans Berichte beschreibt sie als "mäandernde Gänge durch Menschlich-Allzumenschliches, Krieg, Liebe und Verachtung, Sehnsucht nach Versöhnung und Ausbruch". Besonders gefallen hat ihr die erste Erzählung "Anatomie der Traurigkeit", die einen Bogen spanne von der Tristesse im neoliberalen Italien der Neunziger zurück zu den Hoffnungen Mitte der Fünfziger, als in Jugoslawien die Arbeiterräte tagten. Demgegenüber wirkt die Briefnovelle "Briefe aus dem Jahr 1993" intellektuell fast ein wenig überladen. Als glänzend lobt sie schließlich Karahasans Nachwort, das sie im Unterschied zu den Geschichten, die sich ihres Erachtens bisweilen verheddern, durchgängig pointiert findet.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.08.2007

Dass der Autor Dzevad Karahasan es nicht so sehr mit der Wahrheit hat, scheint Yvonne Gebauer nicht zu stören. Gern lässt sie sich auf die versammelten, "lose" verbundenen Erlebnisse und Geschichten von Entwurzelten ein, die um die bosnische Hauptstadt Sarajevo kreisen und darum, wie die erinnerte Wirklichkeit an die Zeit vor dem Krieg sich aufzulösen beginnt. Die einzelnen Berichte wirken auf sie wie ein Puzzle, aus dem eine "erträumte Welt" ersteht. Für Gebauer provozieren sie allerdings auch die bange Frage nach ihrer nicht erzählten "wichtigen Kehrseite".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2007

Sarajewo ist überall und jederzeit in den neuen Erzählungen des bosnischen Autors Dzevad Karahasan, von Karl dem Großen bis zur Nachkriegszeit der späten Neunziger Jahre. Nicht alle der hier versammelten Texte können die Rezensentin Alexandra Kedves gleichermaßen überzeugen. Am besten gefällt ihr die erste mit dem Titel "Anatomie der Traurigkeit", in der es ohne alle essaystischen und theoretischen Anstrengungen um den Italiener Emilio geht, vom hoffnungsvollen Aufbruch der fünfziger Jahre bis in die neoliberale Gegenwart. In den anderen Erzählungen will, wie Kedves jedenfalls andeutet, Karahasan manchmal zu viel, "verheddert" sich so und schafft es nicht immer überzeugend, seine Anliegen und Anekdoten wirklich zu "Literatur" zu formen. Überzeugend, ja "brillant" findet die Rezensentin im Gegenzug dann wieder ein zehnseitiges Nachwort, gerade weil es in seinen Schilderungen Sarajewos ohne narrative Ambitionen auskommt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.06.2007

Zwiegespalten fühlt sich Rezensent Andreas Breitenstein bei der Lektüre von Devad Karahasans Buch "Berichte aus der dunklen Welt". Karahasan widmet sich darin der Geschichte und den Menschen Bosniens. Im Mittelpunkt des Bandes stehen vier Prosastücke, in denen ein Ich-Erzähler verschiedenen Menschen begegnet, die ihm vom Verlust der Heimat und ihren Erinnerungen erzählen, berichtet der Rezensent. Dabei räumt er ein, dass diese Prosa nicht immer leicht zu lesen ist, jedoch liege in Karahasans ornamentalem, die Perspektiven wechselnden Erzählstil gerade sein großes Talent, durch Details große Zusammenhänge für den Leser zu öffnen und in die von wahren Begebenheiten ausgehenden Geschichten Philosophisches und Ironisches einzubetten. Allein im Nachwort erscheint dem Rezensenten die Rede vom dunklen Bosnien etwas klischeehaft. Eine fundierte Analyse hätte hier nach Meinung des Rezensenten Licht bringen können.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2007

Beeindruckt zeigt sich Jörg Plath von der großen Suggestionskraft, die sich in den vier Erzählungen über Vergangenheit und Gegenwart Bosniens entfaltet. Wie in seinen vorhergehenden Romanen, gelingt es dem inzwischen in Graz lebenden bosnischen Schriftsteller und Professor für Dramaturgie Dzevad Karahasan, das Fragmentarische der "westlichen Moderne mit den ausgreifenden Erzähltraditionen des Orients", insbesondere des Sufismus, zu vereinen. Dass mit den vier Berichten schließlich doch nur eine einzige Geschichte erzählt werde, nämlich die des kleinen, auf der Weltkarte unbedeutenden Bosnien, liege an den konzentrischen Kreisen, die in Rück- und Vorgriffen, mal ins 9. Jahrhundert unter Harun al Raschid und Karl dem Großen, mal ins frühe und späte 20. Jahrhundert, auch eine stellvertretend europäische Gewaltgeschichte spiegeln. Wie der Autor in seinem nachgestellten Essay festgehalten hat, lässt sich das "Dunkle" in den Berichten auch als mythische Zwischenwelt begreifen, die einen "Überschuss an Sinn und diesen betonten Mangel an Wirklichkeit" auszeichnet, wie der Rezensent den Autor zitiert.
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