Die deutsche Erinnerungskultur befindet sich in einer Epochenwende: Nationalsozialismus und Holocaust liegen mehr als sechzig Jahre zurück und die junge Generation sieht sich mit neuen Herausforderungen wie Globalisierung und Klimawandel konfrontiert. Ein historischer Diskurs, der nur auf die Dämonisierung des Bösen setzt, verfehlt sein Ziel: Orientierung für unsere Gegenwart zu bieten, um eine Basis für zukünftiges Handeln zu schaffen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.10.2012
Hermann Theissen bespricht zwei Bücher, die sich mit der deutschen Geschichte befassen: Peter Steinbachs "Geschichte im politischen Kampf" und "Das Menschenmögliche" von Dana Giesecke und Harald Welzer. Giesecke und Welzer durchleuchten in ihrem Buch kritisch die deutsche Erinnerungskultur, berichtet Theissen, der von der Art und Weise, wie die Soziologin und der Sozialpsychologe vorgehen, sehr angetan ist. Die Autoren argumentieren, viele Diskussionen seien sehr wichtig gewesen, um die Ignoranz gegenüber den Leiden der Opfer zu beenden. Der Umstand, dass inzwischen kaum noch jemand den nationalsozialistischen Terror leugne, verändere aber die Ansprüche an eine Erinnerungskultur und fordere ihre Renovierung, fasst der Rezensent zusammen. Wenn der Nationalsozialismus nicht als erratisches Ereignis sondern als soziale Möglichkeit begriffen werde, die unter bestimmten Umständen "von einer Gesellschaft gewählt wurde", müsse sich die Erinnerungspolitik vom Pathos befreien und sich konkret mit den Voraussetzungen menschlichen Handelns befassen, wenn sie wirklich präventiv sein wolle.
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