Colin Crouch

Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus

Postdemokratie II
Cover: Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783518422748
Kartoniert, 248 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Spätestens als Lehman Brothers im September 2008 Insolvenz anmelden musste, hatte es für einen kurzen Moment den Anschein, als habe die letzte Stunde des Neoliberalismus geschlagen: Nachdem das Mantra vom Markt und von der Privatisierung seit den siebziger Jahren in aller Munde war, sollten nun die Regierungen eingreifen, um systemrelevante Banken zu retten. Die Kompetenz der Wirtschaftsführer stand massiv in Frage. Heute, nur drei Jahre später, bekommen die Manager wieder riesige Boni. Zur Refinanzierung der Rettungspakete werden Sozialleistungen gekürzt. Die Logik des radikalen Wettbewerbs und des unternehmerischen Selbst prägt nach wie vor unsere Mentalität.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.02.2012

Den Autor nennt Lutz Wingert ein echtes Leserglück. Weil Colin Crouch sich nicht mit Attitüden und vorgeschützter Objektivität begnügt, sondern das Problem des Neoliberalismus wirklich zu durchdringen versucht, kämpferisch Stellung bezieht und Lösungen anbietet. Da es bei Neoliberalen einfach kein Umdenken gibt, und sie einflussreiche Großkonzerne gewähren lassen, wie Crouch laut Wingert feststellt, fühlt sich der Autor dazu angespornt, nach Alternativen zu fahnden. Laut Wingert wird er fündig bei der moralischen Verfasstheit der Zivilgesellschaft und der sozialwirtschaftlichen Verantwortung der Unternehmen. Allerdings ohne darin ein Allheilmittel zu sehen, wie Wingert einräumt. Dazu sei der Autor einfach zu britisch.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 12.10.2011

Hier spricht kein Umstürzler, das macht Uli Müller mal klar. Für Müller ist Colin Crouch ein Kenner, der die Entstehungs- und Ideengeschichte des Liberalismus bis heute zu umreißen vermag. Dabei wird der Begriff vor den erstaunten Rezensentenaugen so schillernd, dass etwa der Grundsatz der Wahlfreiheit des Konsumenten einfach und fast unmerklich zur Bevormundung durch den Markt umgedeutet wird. Wenn Crouch nun die Konzernmultis und ihren politischen Einfluss in den Blick nimmt und die Frage, wieso staatliche Eingriffe auf einmal nicht mehr Arbeitnehmer, sondern Finanzmärkte und Banken förderten, und damit zur Gegenwart aufschließt, möchte Müller dem nichts hinzufügen. Enttäuscht zeigt er sich allerdings darüber, dass jemand wie Crouch außer Hoffnungen auf die Zivilgesellschaft kaum Lösungsansätze parat hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 06.10.2011

Über weite Strecken ist Rezensentin Lisa Herzog dem Autor sehr zustimmend gefolgt. Wenn Colin Crouch den fatalen globalen Siegeszug des Neoliberalismus beschreibt, der nichts auf den Staat gibt, aber alles auf den Markt. Denn wie ihr Crouch überzeugend darlegt, hat die Entmachtung des Staates nicht unbedingt zu einem unverzerrten Marktgeschehen geführt. Vor allem habe die Deregulierung zur Entstehung mächtiger Großkonzerne geführt, die nun ihrerseits per Druck auf die Politik ihre Interessen durchsetzen. Ganz richtig findet dies die Rezensentin, fragt sich aber, warum Crouch dann nicht springt, wenn er doch schon so schwungvoll Anlauf genommen hat. Nur vage die Stärkung der Zivilgesellschaft zu beschwören, kann in ihren Augen nicht die Lösung des Problems sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2011

Ein überzeugendes Buch, ein würdiger Nachfolger von Colin Crouch' rasch zum Klassiker avancierter Studie zur "Postdemokratie". Was man hier zu lesen bekomme, erspare, so Timo Frasch, eigentlich in einem gründlichen Aufwasch das ganze Funk- und Fernseh-Gerede zu Finanz- und Schuldenkrise und Gegenwart der Ökonomie. Die Diagnose von Crouch ist sehr klar: Keineswegs stehen sich Staat und Wirtschaft in Gegnerschaft gegenüber. Vielmehr sei ein Bündnis aus Staat und großen Konzernen dabei, die Gesellschaft - und das heißt nicht zuletzt: die Freiheit der Märkte - mit Macht zu erdrücken. Die Schuld daran sucht Crouch bei den Theoretikern des Neoliberalismus, also Milton Friedman und Co., denen die Politik allzu leichtgläubig gefolgt sei. Überzeugende Auswege aus der so verfahrenen Lage habe Crouch kaum zu bieten, er setzt am ehesten auf den ständigen Widerstand von Moral einklagenden Bürgern. Gerade im Verzicht auf grandiose Lösungsvorschläge sieht der Rezensent aber den Triumph eines nüchternen Blicks.