Im Dezember 1962, einen Monat vor der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags, begnadigte Staatspräsident Charles de Gaulle die letzten in Frankreich inhaftierten deutschen Kriegsverbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Entlassung des ehemaligen Höheren SS- und Polizeiführers Carl Oberg und des einstigen Befehlshabers der Sicherheitspolizei Helmut Knochen war der Schlussakt einer Auseinandersetzung von erheblicher politischer Sprengkraft, die seit Kriegsende zwischen Deutschland und Frankreich schwelte. Die strafrechtliche Verfolgung der deutschen Kriegs- und SS-Verbrechen durch französische Gerichte steht im Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung. Claudia Moisel fragt nach den spezifischen Intentionen der französischen Kriegsverbrecherpolitik, den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und nach ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit. An einer Reihe wichtiger Fälle wie dem Oradour-Prozess, der 1953 in Bordeaux stattfand, wird die Interdependenz von Justiz, Politik und öffentlicher Meinung deutlich.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.01.2005
Claudia Moisel untersucht den Umgang Frankreichs mit deutschen Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkrieges. Dabei handele es sich um einen "äußerst verzweigten Themenkomplex", den die Autorin leider nicht so vollständig abbildet, wie sich Cornelius Wüllenkemper das gewünscht hätte. Immerhin kann Moisel anhand vieler juristischer Kuriositäten das "vielschichtige Machtverhältnis" zwischen Deutschland, Frankreich und den Alliierten darzustellen, räumt Wüllenkemper respektvoll ein. Im "stärksten Kapitel" ihrer Monografie erklärt die Autorin die bemerkenswerte Tatsache, dass nur etwas mehr als ein Zehntel aller deutschen Kriegsverbrecher von Frankreich tatsächlich verurteilt wurden, mit der massiven Einflussnahme der USA auf die französische Nachkriegspolitik. Ebenfalls erwähnenswert findet der Rezensent Moisels Beschreibung von internen Kompetenzstreitigkeiten im "moralisch und politisch destabilisierten Frankreich" der Nachkriegszeit, die sich vor allem in den Ersetzungen von angeblich korrupten Beamten durch ehemalige Widerstandskämpfer offenbarten.
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