Christoph Meckel

Suchbild. Meine Mutter

Cover: Suchbild. Meine Mutter
Carl Hanser Verlag, München 2002
ISBN 9783446202191
Gebunden, 124 Seiten, 13,90 EUR

Klappentext

"Ich habe meine Mutter nicht geliebt." Dieser Satz steht am Anfang des Buches. Meckels Mutter, allem Geistigen verschrieben, ist eine Frau der anspruchsvollen Gesellschaft. Die Kinder sind nur im Weg, und auch der Krieg passt eigentlich nicht indieses Szenario. In Meckels Portrait wird über den individuellen Fall hinaus ein Milieu sichtbar, in dem für Liebe nicht viel Platz bleibt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.11.2002

Obwohl Angelika Overath dieses Buch für misslungen hält, empfiehlt sie es als "unbedingt lesenswert". Nachdem Meckel bereits nach dem Tod seines Vater ein Buch über diesen hatte, hat er den vorliegenden Text noch zu Lebzeiten der Mutter verfasst und nur mit der Veröffentlichung bis zu ihrem Tod gewartet, weiß die Rezensentin. "Suchbild" ist die Aufarbeitung der Beziehung des Autors zu seiner Mutter, und es hat eine "therapeutische Schlagseite, die Overath nicht wundert, die ihr aber einen Grund für das literarische Scheitern des Textes darstellt. Es stört sie, dass die Mutter weniger als lebendige Figur denn als "Pappkameradin" erscheint, wofür sie deren Übermächtigkeit verantwortlich macht. Allerdings sieht sie in der "Ikone des weiblichen Protestantismus" als die sie geschildert wird und womit Meckel deutlich macht, was für ein "sanft-unbeirrbares Vergewaltigungspotential in dieser Seelenreligion" mitschwingen kann, die eigentliche Stärke in der Figurenzeichnung der Mutter. Und noch etwas hat ihr gut gefallen: in kleinen Nebenszenen sei es dem Autor durchaus gelungen, "wunderbare Medaillons zu malen", die unter der "imperialen dicken Muttertapete" hervorscheinen, wie die Beschreibung des Kindermädchens Lucie oder die Schilderung eines Kriegssommers im Schwarzwald.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.11.2002

Auch wenn Christoph Meckel bereits vor 20 Jahren ein "Suchbild" über seinen Vater erstellt hat, weist das neue "Suchbild. Meine Mutter" für Lothar Müller wenig Ähnlichkeit auf. Was nicht in der Verschiedenartigkeit der Personen begründet ist, sondern in der Person des Autors, wie Müller erklärt. Das Vater-Suchbild ergab tatsächlich ein Suchbild, meint er, da war einer auf der Suche nach seinem Vater in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, aus einem Impuls enttäuschter Liebe heraus. Die Mutter dagegen wird nicht gesucht, ihre Nähe nicht, ihre Liebe nicht, sie stellt von vornherein "eine Figur des Mangels" dar, schreibt Müller. Für Meckel verkörpere die Mutter den Kulturprotestantismus in Person, als lebensunfrohes, unsinnliches Wesen, als Verhängnis letztlich, das über die Familie triumphiert hat. Ein hartes, mitleidsloses Buch, so Müller, das zeige, wie sehr der Autor heute noch mit diesem kulturprotestantischen Vermächtnis ringe.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Der Autor hat schon einmal und mit großem Erfolg, wie Helmut Böttiger uns wissen lässt, ein "Suchbild" erstellt, das "Über meinen Vater" hieß. Für Böttiger reiht es sich ein in eine ganze Reihe von Vaterporträts, mit denen Angehörige der 68er-Generation eine politische wie private Geschichtsaufarbeitung betrieben. Ansatzweise sei es dem Sohn Meckel sogar gelungen, sich in die Welt seines Vater hineinzudenken, meint Böttiger. Nichts davon in dem neuen "Suchbild. Meine Mutter", das Böttiger nicht wie eine souveräne Annäherung sondern wie eine unsouveräne Abrechnung vorkommt. Die Mutter als protestantisch-verkniffene, sinnenfeindliche, büchervernarrte Frau, die Literatur und Leben nicht unter einen Hut bekommt. Für Böttiger klingt bei all dem eine Sehnsucht nach der wilden frühen Lyrikerzeit des Autors durch, eine Sehnsucht nach Verklärung und Sozialromantik; leider verweigere der Autor auch bei diesem Punkt jede Selbstbefragung, sagt Böttiger, und weise damit eine auffällige Gemeinsamkeit zu seiner Mutter auf: Selbstgerechtigkeit.