Herausgegeben von Cornelius Borchardt in Verbindung mit dem Rudolf-Borchardt-Archiv. Rudolf Borchardts bisher unveröffentlichter autobiografischer Bericht über Zerstörung, Deportation und Verzweiflung - von der Gefangennahme der Familie in einem italienischen Weinberg bis zur überraschenden Freilassung nahe Innsbruck. Eine detaillierte Lebenschronik der letzten Kriegsjahre mit zahlreichen Abbildungen, ergänzt durch Tagebuchaufzeichnungen und Augenzeugenberichten von Borchardts Kindern.
Nachdem Rolf Vollmann ausführlich und sehr schön die Geschichte der antiken Anabasis nacherzählt hat, voller Respekt für den Autor Xenophon, ist schon fast klar, dass er Rudolf Borchardts freche Aneignung des Titels für eine Anmaßung hält. Gewiss, die Situation war schwierig genug, Borchardt führte, so sah er das, im Jahr 1944 seine Familie aus den noch anhaltenden Kriegswirren wie Xenophon einst sein riesiges Heer aus den seinen. Das, so nun Rolf Vollmann, ist in seiner Verblendung schon ein sehr typischer Zug für den Autor, der sich für eine antike Größe zu halten beliebte und doch eher ein großer "Kindskopf" mit der selten wirklich glücklichen Vorliebe für gestelzte Ausdrucksweisen und "leidenschaftliche Wortgewölle" gewesen sei. Nicht dass Vollmann ihn für uninteressant hielte, nur glaubt er ihm nicht. Viel eher schon den der Ausgabe beigegebenen Notaten der Mitlebenden, in deren Beschreibung die Umstände in einem sehr anderen Licht erscheinen. Rudolf Borchardt war, im Grunde, resümiert Vollmann, ein tragikomischer Fall. Aber doch auch, das zeigt bei allem Selbstmitleid auch seine "Anabasis", nicht ganz ohne Tragik.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 06.01.2004
Ein ebenso beeindruckendes wie bedrückendes Zeitgemälde sieht Rezensent Hans Albrecht Koch in den "Anabasis"-Aufzeichnungen des Altphilologen und Dichters Rudolf Borchardt. Geradezu dankbar nimmt Koch diese Edition auf, gehört Borchardt doch zu jenen deutschsprachigen Autoren, deren Bedeutung erst spät entdeckt wurde. Auch weiß Koch von einer Fülle an Fehlern und unhaltbaren Anordnungen in der Werkausgabe zu berichten. Die vorliegenden Aufzeichnungen nun umfassen die letzten beiden Lebensjahre des Autors - der jüdischer Herkunft, doch Protestant und Preuße aus Überzeugung war - und werden von Tagebuchaufzeichnungen der Tochter Corona, den Erinnerungen seines Sohnes Cornelius, einem Stellenkommentar der Herausgeber und einer detaillierten Chronik ergänzt, wie der Rezensent lobt.
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