Christian Meier

Von Athen bis Auschwitz

Betrachtungen zur Lage der Geschichte. Krupp-Vorlesungen zu Politik und Geschichte am Kulturwissenschaftlichen Inst. im Wissenschaftszentrum
Cover: Von Athen bis Auschwitz
C. H. Beck Verlag, München 2002
ISBN 9783406489822
Gebunden, 234 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Christian Meier wagt eine Bilanz der europäischen Geschichte an der Wende zum 21. Jahrhundert. Dabei geht es ihm vor allem um die Frage, welche Beziehung unsere heutigen Gesellschaften überhaupt noch zu dem historischen Erbe von drei Jahrtausenden herstellen können. Wie können wir den Weg Europas von Athen bis Auschwitz verstehen? Was bedeutet die Geschichte Europas für uns, und was vermögen wir in ihr? Welche besondere Verantwortung haben wir als Zeitgenossen innerhalb historischer Prozesse?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.08.2002

Erfreut zeigt sich Wolfgang Kruse von dem vorliegenden Versuch Christian Meiers, über den "fachlich-universitären Tellerrand" hinauszublicken und eine Schau der europäischen Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart zu wagen. Der Versuch sei gelungen und das Ergebnis "in hohem Maße beeindruckend und diskussionswürdig", schreibt der Rezensent. Nur eine Geschichtswissenschaft, die von den Problemen der Gegenwart ausgehe, könne die in der Öffentlichkeit vorherrschende "Abwesenheit der Geschichte'" überwinden, so Meier, weshalb er sich in seiner Darstellung auf Europa konzentriert. Der europäische Sonderweg, der schließlich in Auschwitz münden sollte, habe schon in der griechischen Antike begonnen, mit dem Aufkommen von Öffentlichkeit, Freiheit und Gleichheit. Nach einem "instruktiven" Kapitel über das 19. Jahrhundert gelangt Meier relativ zügig in die Gegenwart. Sein anfängliches Ziel habe der Autor aber nicht ganz erreichtmeint Kruse, denn: "So intensiv und redlich Meier sich auch bemüht, so recht mag es ihm nicht gelingen, das mit Athen beginnende 'immer neue Aufreißen der Horizonte' mit dem Holocaust zu einer historischen Einheit zusammenzudenken." Auch Meier könne Auschwitz letztlich nicht erklären.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.07.2002

Der Althistoriker Christian Meier beabsichtigt mit seinen Betrachtungen zur Lage der Geschichte und der These vom europäischen Sonderweg keine Anklage, sondern will vielmehr an die Rolle der Geschichte und die Verantwortung des Historikers in einer Zeit, die "geschichtsvergessen zu werden droht", erinnern, stellt Dietrich Schwarzkopf zu Beginn seiner Rezension klar. Im Anschluss daran resümiert er einige Kernaussagen und zentrale Fragestellungen des Buches, zum Beispiel wie man Auschwitz und die großen Errungenschaften des europäischen Sonderweges "zusammendenken" könne. Meiers Analysen, hält Schwarzkopf fest, münden in die These, dass mit Auschwitz der europäische Sonderweg zu Ende sei. Der Historiker weise jedoch darauf hin, dass Europa sein historisches Erbe für die Bewältigung der Zukunft brauche, auch wenn ihr genauer Wert nicht immer zu bestimmen ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.05.2002

Dass das Aufarbeiten von Geschichte oftmals zum Sich-an-der-Geschichte-Abarbeiten gerät, dafür meint Hanno Helbling hier einen erneuten Beweis gefunden zu haben. Christian Meier, so Helbling, versucht die Geschichte Europas als Kontinuum, und vor allem als europa-spezifischen Sonderweg zu schreiben, "von Athen bis Auschwitz". Doch das historische Kontinuum hat bei Meier keinen statischen Charakter, so der Rezensent, sondern ergibt sich vielmehr aus einer fortwährenden Spannung zwischen Freiheits- und Innovationspotenzial und mentalem Konservatismus. Diese Spannung scheint das tatsächliche Charakteristikum des europäischen "Sonderwegs" zu sein, auch wenn Helbling dies nicht in aller Klarheit formuliert. Doch nun beschäftigt sich der Rezensent mit dem von Meier gewählten Endpunkt des europäischen Sonderwegs: Auschwitz. Er betont, dass "Auschwitz" und "1945" keine austauschbaren Begriffe sind und erklärt, wie Meier Auschwitz als Sinnbild für das (im europäischen Verständnis) Unvorstellbare begreift. Zum einen aus der Perspektive des "Davor", als das, was "nur eintreten konnte", so Helbling, "weil es unvorstellbar war". Zum anderen aus dem Rückblick, als das, was unvorstellbar bleibt, obwohl es eingetreten ist. Ab diesem Punkt wird Helbling schwer verständlich. Man begreift nicht, warum er (oder etwa Meier?) zunächst zwei Lesarten des Begriffes "1945" unterscheidet (das Unvorstellbare und das Politische), um dann ihre Verwobenheit nicht nur festzustellen, sondern auch die Trivialität einer solchen Feststellung zu verhöhnen. Will er so das "behutsame Denken", das er Meier bescheinigt, rhetorisch inszenieren? Diese Behutsamkeit, die in stetem Zweifel eher Fragen aufwirft als Antworten gibt, scheint ihm jedenfalls an Meier gefallen zu haben. Denn anders als die auf eine Periodisierung fixierte Geschichtsschreibung, die in Auschwitz einen "geeigneten Endpunkt" sehen könnte, stellt Meier die Frage nach dem Sinn einer solchen Sinngebung. Gerade der Holocaust entziehe sich diesem Gestus und beende den Sonderweg Europas.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.04.2002

Keine geringere Frage als die nach dem Zusammenhang zwischen historischer Erkenntnis und menschlichem Handeln beziehungsweise nach Orientierung an und Verantwortung in der Geschichte findet Rezensent Christian Jostmann in Christian Meiers Essay gestellt. Um diese Frage zu beantworten, schlage Meier einen "mutigen Bogen" von Athen nach Auschwitz. Wie der Rezensent darlegt, sieht Meier das Besondere der abendländischen Geschichte in einem in Athen einsetzenden Zug zur Rationalisierung, der nicht nur im Guten Erfolge zeitigte, sondern auch die Möglichkeiten zum Bösen wurden ins Unermessliche steigerte. Dass Meier bei seinen Ausführungen das Mittelalter weitgehend ausspart, will ihm der Rezensent nicht negativ ankreiden. Meier meine den Rückgriff auf die Antike nämlich nicht ausschließlich. Nach Auffassung des Rezensenten dient Meier die Antike als Beispiel "einer möglichen Öffentlichkeitsarbeit zugunsten der Geschichte". Ein Vorhaben, das der Rezensent, angesichts des von Meier diagnostizierten Verschwindens der Geschichte aus der Öffentlichkeit für dringend erforderlich hält.
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