Der "Führer": Es gibt in Deutschland vermutlich keinen zweiten Begriff, der erst eine ähnliche Karriere und dann einen so jähen Absturz erlebt hat. Er ist nach wie vor diskursiv so diskreditiert, dass er in der Sprachpraxis kaum gebraucht werden kann. Allerdings beweist dies nur, wie wichtig er einmal gewesen sein muss; nicht erst im Dritten Reich, auch schon während der Weimarer Republik, und mitten im republikanisch eingestellten Bürgertum. Die Arbeit argumentiert, dass das Politik- sowie das Führerbild des republikanischen Weimarer Spektrums in hohem Maße auf Mustern beruht, die ihre Wurzeln in der Genieästhetik des 18. Jahrhunderts haben. Die Schlagworte des Sturm und Drang - Originalität, Regelfeindlichkeit, Neuheit - prägen die Vorstellungen von idealen politischen Führern.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2012
Wolfram Pyta begrüßt die zunehmende Sensibilität für ästhetische Fragestellungen unter Historikern. Die, wie er findet, maßgebliche Arbeit der literatur- wie geschichtswissenschaftlich gleichermaßen kundigen Autorin Carolin Dorothee Lange schätzt er darüber hinaus wegen ihrer klugen Argumentationen und prägnanten Formulierungen. Lange vermag dem Rezensenten zu belegen, dass der Genie-Kult der frühen Weimarer Zeit durchaus demokratisches Potential besaß. Allerdings muss sie auch die Verführbarkeit des bürgerlichen Lagers einräumen, wie Pyta ergänzt. Eigentliche Leistung der Studie ist für ihn dennoch die Einsicht, dass der Künstler-Politiker Hitler kein zwangsläufiges Resultat des Geniekults war und dass Literatur und narrative Muster Sinnverarbeitungsprozesse zu steuern vermögen.
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