Byung-Chul Han legt mit "Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns" eine Theorie der Demokratie vor, die mit Habermas' einflussreicher Diskurstheorie radikal bricht. Er übersetzt die digitale Revolution ins Politische und ersetzt Habermas' "kommunikative Vernunft" durch eine digitale Rationalität. Das Ergebnis ist gleichermaßen überraschend wie bezwingend. Han schlägt nicht einfach, wie in aktuellen politischen Debatten allgemein üblich, mehr Partizipation vor, sondern er entwirft eine Vision von einer radikal anderen Form der Politik und Demokratie, die auch über die direkte Demokratie oder "Schwarmdemokratie" hinausgeht. Er beschreibt eine Politik ohne "Politiker" und eine Demokratie, die ohne "Kommunikation" und "Öffentlichkeit" auskommt. Han kündigt das Ende der politischen Partei und der Ideologie an. Dieser kühne Entwurf der digitalen Demokratie ist eine Antwort auf die heutige Krise der repräsentativen Demokratie, die sich in den Erfolgen von Piratenpartei und Beppe Grillo in Italien widerspiegelt. Anders als in seinen bisherigen kulturkritischen Schriften blickt Byung-Chul Han in seinem neuen Essay konstruktiv in eine vom digitalen Medium beherrschte Zukunft. Er öffnet einen Blick auf die Möglichkeiten und Chancen, die in der aktuellen gesellschaftlich-technischen Entwicklung liegen: die Möglichkeiten zu einer tiefgreifenden politischen Umwälzung.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.04.2013
Wenn man bedenkt, dass Byung Chul-Hans Essay nur vierzig Seiten umfasst, staunt man zunächst über die Ausführlichkeit von Jens-Christian Rabes Kritik, aber man versteht schnell: Der Kritiker ist genervt, und er lässt es raus. Was ihn ärgert, ist offenbar eine akademisch aufgeplusterte Ahnungslosigkeit, mit der Byung Chul-Han dem Netz unterstellt, es zerstöre die Öffentlichkeit, allein um der sich in den Berliner Hörsälen drängenden "kulturpessimistischen Masse" zu gefallen - so zumindest Rabes Unterstellung. Byung Chul-Han argumentiere dabei nicht mal. Byung Chul-Han meint. Aber er meint, meinen zu dürfen, während er dem Netz "idiosynkratische Schwafelei, haltloses Herumgemeine" vorwirft. Für Rabe ist klar - aber er protestiert auch lauthals dagegen! - dass hier mal wieder ein kulturkonservativer Kritiker des Netzes die freie Öffentlichkeit einkassiert, sobald sie es wagt, sich über ihn hinwegzusetzen. Es handelt sich um einen weiteren Fall gekränkter Autorität. Aber jetzt ist sie erledigt.
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