Brigitte Reimann

Das Mädchen auf der Lotosblume

Zwei unvollendete Romane
Cover: Das Mädchen auf der Lotosblume
Aufbau Verlag, Berlin 2003
ISBN 9783351029821
Gebunden, 237 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Mit gerade zwanzig fing Brigitte Reimann an, einen Roman zu schreiben, dessen politische Brisanz erstaunlich für die frühe DDR-Literatur war. Angesiedelt im Schulmilieu, ging es in "Wenn die Stunde ist zu sprechen..." um die willkürliche Verhaftung eines Halbwüchsigen durch die Staatssicherheit, um Schüler, die in die FDJ gezwungen wurden, um reaktionäre Lehrer. Im Zentrum der Geschichte steht ein attraktives, aber verbohrtes, Mädchen, dem durch eine Liebesgeschichte die Augen geöffnet werden. Bereits in jenem sinnlichen Stil, den die Autorin erst in "Franziska Linkerhand" wiederfand, ist dann der wenig später entstandene kleine Roman "Joe und das Mädchen auf der Lotosblume" erzählt: die Dreiecksbeziehung einer jungen, kapriziösen Malerin, die weder in der Liebe noch in der Kunst Kompromisse akzeptiert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.02.2004

Es mag noch so viel geschrieben und theoretisiert werden über das Leben der Brigitte Reimann und ihren entschiedenen Willen zu Lust und Liebe nach eigener Facon, entscheidend ist und bleibt doch: überzeugt sie auch als Autorin? Meint jedenfalls Iris Denneler, und sie beharrt umso strenger darauf, als sie durchaus begeistert ist von den in diesem Band versammelten Romanfragmenten. Nicht dass hier Leben in Literatur transformiert werde, sei entscheidend, sondern wie das geschehe. Bravourös nämlich, vor allem im zweiten Versuch "Das Mädchen auf der Lotosblume", der beinahe schon so "faszinierend vieldeutig" daherkomme wie das Hauptwerk der Autorin, "Franziska Linkerhand". Kleine Schönheitsfehler wie kleine "sentimentale Durchhänger" stören da kaum: das Buch ist eine Entdeckung, freut sich Denneler.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.01.2004

Bislang, schreibt die Rezensentin Susanne Messmer, sah man Brigitte Reimann als eine dieser Autoren, die sich anfangs mit der DDR identifizierten, die aber zunehmend kritischer wurden. Mit dieser verkürzenden Einschätzung dürfte es jetzt wohl zuende sein, so Messmer weiter, denn die Entdeckung zweier früher (und von den Verlegern abgelehnte) Romanmanuskripte der Autorin offenbart eine Brigitte Reimann, für die es keine "Phase des ungebrochenen Glaubens" gegeben hat, und die schon seit Anbeginn mit Tabus bricht, sogar so radikal wie danach nie wieder. "Das Mädchen auf der Lotosblume", die Geschichte der Malerin Maria, die sich auf der Suche nach dem eigenen Stil an den "Scheuklappen-Dogmatikern des Sozialistischen Realismus" reibt, klingt zwar für die Rezensentin teilweise "backfischig und pennälerhaft", wird jedoch auch von dem innigen Willen getragen, "in die Welt" zu gehen. Dieses Romanfragment, lobt Messmer, erlaubt die seltene Einsicht in die Situation eine Frauengeneration, die dem Hausfrauen und Mütter ausbildenden "Bund Deutscher Mädel" angehörte und sich dann emanzipierte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.01.2004

Interessiert, aber nicht sehr überzeugt haben Yvonne Gebauer diese im vorliegenden Band veröffentlichten Romanfragmente, die Brigitte Reimann bereits 1956/57 verfasst hat. Im ersten unvollendeten Roman des Bandes, "Joe und das Mädchen auf der Lotosblume", geht es um eine junge Frau zwischen zwei Männern, die "nebenbei mit der so genannten sozialistischen Wirklichkeit" konfrontiert wird, fasst die Rezensentin zusammen. Für ihren Geschmack wird in diesem Text zu " viel gespürt und gefühlt". Er erinnert sie im Tonfall unangenehm an einschlägige "Frauenliteratur". Lobenswert findet Gebauer aber die "überzeugende" Darstellung der "Leerstellen des 'Sozialistischen Realismus'" und insbesondere die genaue Beobachtung der "Unsicherheit" der Protagonisten. Die Qualität des zweiten Romanfragments kritisiert sie als noch weniger überzeugend und in vielen Passagen als zu "grob geschnitzt". Das erinnert sie dann doch zu sehr an "sentimentale Kleinmädchenprosa", wie sie zugibt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003

Katharina Döbler musste bei der Lektüre von Brigitte Reimanns frühen Romanfragmenten eine dicke "historische Staubschicht" wegblasen, um darunter die Entwicklung einer zunächst ästhetisch zwar orientierungslosen, aber schon sehr mutigen und ehrgeizigen Autorin freizulegen. Als 19-Jährige und glühende Sozialistin schrieb Reimann eine Erzählung über eine Abiturientin, die ihren Lehrer wegen antisozialistischer Tendenzen denunziert; ein paar Jahre darauf verfasste sie die Geschichte einer Künstlerin auf der Suche nach dem richtigen künstlerischen Standpunkt - beide Bücher, schreibt Döbler, waren in treuherziger Absicht verfasst worden, dem sozialistischen Aufbau zu dienen. Trotzdem wurden beide vom Verlag abgelehnt, jedoch nicht wegen Reimanns anfänglicher sprachlicher Unbeholfenheit, die sie "zwischen Hemingway und Mädchenbuch" schwanken ließ, sondern weil ihr "Ethos der politischen wie emotionalen Ehrlichkeit", ihr konsequenter Versuch, weibliche Handlungsmöglichkeiten auszuloten, nicht zur erwünschten Geradlinigkeit des sozialistischen Realismus passten. Die ersten, literarisch noch tapsigen Versuche Reimanns sind damit, so Döbler, auch beispielhaft für den moralischen Pathos, der in den fünfziger Jahren viele junge Autoren antrieb.