Helga Schütz

Grenze zum gestrigen Tag

Roman
Aufbau Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783351023843
Broschiert, 303 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Von ihr, nur von ihr hängt das häusliche Glück und der Friede ab. Eine Mauer aus Aufgaben schützt sie vor Fluchtgedanken und Verzagen, denn nichts ist normal an diesem Leben. Am Ende des Gartens stehen Wachtürme. Leben in einer Festung: Beton, Wachhunde und Minen gehören zum Alltag, der sich um Betty dreht, das Kind mit der unbändigen Fähigkeit zur Freude und seinen Absencen, die der Arzt Lebenslücken nennt. Gegen die Angst vor der unerklärlichen Krankheit hat die Mutter ein geheimes Mittel: sie versteckt die Krankheit hinter allen anderen Sorgen - der trickreich aus dem Westen zu besorgenden Medizin, dem geheimnisvollen Schlüssel, der eines Tages aus Hugos Tasche fällt, den Nachrichten über die Panzer in Prag. Mit aller Kraft übt sie das Augenverschließen: alles wird gut. Aber sie irrt. Nach Bettys Tod ist Hugos Ausbürgerung jenseits des Faßbaren.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2001

Nachdem wir der Rezensentin Angelika Overath auf mühsamen Wegen zu den Ur-Müttern gefolgt sind, die sie in ihrer bodenständigen Interpretation des Romans als mythischen Hintergrund der Handlung ausmacht, und auch den ein oder anderen heideggerschen Holzweg dieser esoterischen Kritik genommen haben, lässt sich mit Sicherheit feststellen, dass der Roman die Rezensentin sehr angesprochen hat. Sie entdeckt in diesem "autobiografisch-dokumentarischen Roman" über den DDR-Alltag eine Erzählung über den "deutsch-deutschen Wahnsinn im Sperrgebiet und zugleich ... über die aberwitzige Möglichkeit von Glück an der Grenze von psychischer und physischer Belastbarkeit". Offensichtlich für die Rezensentin ein kleines Meisterwerk. "Ein leises Buch ... über das magische Erzählen", wie sich die Rezensentin ausdrückt. Mehr konnten wir leider nicht dieser selbst schon magischen Kritik entreißen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.03.2000

Ausgerechnet dieser Autorin aus der hinteren Reihe der DDR-Literatur, wundert sich Iris Radisch im Aufmacher der Literaturbeilage, gelingt es, die DDR literarisch wieder zum Leben zu erwecken. Familienleben am Todesstreifen, eine kleine intakte ländliche Welt, abgeschirmt durch Minen, isoliert von aller Welt, auch von der Lebenswirklichkeit der DDR. Ein Mauerglück, das nicht währt, aber wahr ist - zumindest war. Radisch bringt Schütz "in ihrem Glauben an eine nachgetragene Unschuld" mit Martin Walser in Zusammenhang. Ihre Erzählweise sei keineswegs bieder, sondern "porös, abgehackt, tastend". Schütz` Roman berichte auf bemerkenswerte Weise aus einer vergangenen Welt, die "im Buch der Mentalitätsgeschichte aufbewahrt" gehöre.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2000

"Zwölf gute Jahre hinter Beton und Stacheldraht", die tatsächlich zum Teil auch gut waren, schildere Schütz in ihrem DDR-Roman, der in die sechziger und siebziger Jahre zurückgreife, schreibt der Rezensent Konrad Franke, und er verteidigt die Erinnerungsarbeit der Autorin mit warmen Worten - auch gegen den Verdacht, dass ihr die DDR stellenweise ein bisschen zur Idylle geraten könnte. Spätere Generationen, so meint Falke, könnten aus diesem Buch lernen "wie man in der DDR lebte". Besonders lobt Falke die Unaufdringlichkeit von Schütz` Darstellung. Von Johannes Bobrowski, der sie in früheren Büchern beeinflusst habe, sei sie inzwischen losgekommen und habe einen ganz eigenen Ton gefunden.
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