Von Atheisten im heutigen Wortsinn wissen wir seit etwa 1650, seit clandestin erste atheistische Manuskripte zu zirkulieren begannen. Schon lange vorher aber - und lange danach - wurde über den Atheismus nachgedacht und geschrieben. Theologen, Philosophen, Naturforscher, Staatsdenker und Dichter warnten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert vor den Gefahren des Unglaubens. Aber das ist nicht alles: Betrachtet man Autoren und Texte genauer, so fällt auf, dass viele Personen, die gegen Atheisten, Freigeister oder Gottlose schrieben, ansonsten höchst moderne Ansichten vertraten. Manche wurden sogar selbst als Atheisten angegriffen. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei der Gottlosigkeit gar nicht um eine präzise Bezeichnung handelt, sondern um eine Feindvorstellung, die ganz verschiedenen Zwecken dienen konnte - selbst der Verteidigung von Toleranz und Wissenschaft. Diese These wird an Texten von Luther bis Leibniz, von Bacon bis Brockes, von Grotius bis Gottsched in zahlreichen Einzelanalyen untersucht. So entsteht eine Diskursgeschichte des Unglaubens und ein neues Bild vom Umgang mit Heterodoxie und Dissidententum in der Frühen Neuzeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2020
Der hier rezensierende Historiker und Philosoph Martin Mulsow bekommt mit Björn Spiekermanns Studie ein brauchbares Kompendium zur Geschichte eines Feindbildes. Wie der Ungläubige durch die Zeiten hindurch definiert wurde und von wem, zeigt Spiekermann laut Rezensent auf fruchtbare Weise, gelehrt und immer wieder verblüffend. So erfährt Mulsow, dass die reformierten Christen schärfere Kritiker der Gottlosigkeit waren als ihre orthodoxen Kollegen der Konfessionskirchen, und dass die Aufklärung mitnichten den Sieg der Gottlosigkeit bedeutete.
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