Auf den ersten Blick hat die Kategorie 'Aufrichtigkeit' mit der Kultur des 17. Jahrhunderts wenig gemein. Im Gegenteil, der Wunsch, die ästhetischen Konventionen und die Künstlichkeit der Zeichensysteme zu verlassen, gilt als Charakteristikum der historisch anschließenden Epoche, die sich vom Barock vehement abzuheben suchte: der Aufklärung. Das Buch relativiert diese geistesgeschichtliche Trennung, indem es nach Formen und Strategien des Authentischen, Natürlichen und Unverstellten in der Literatur und den Künsten, in Verhaltenslehren und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit fragt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2006
Eine "Lektüre für Durchblicker" nennt Caspar Hirschi den ein oder anderen Beitrag dieses von Claudia Benthien und Steffen Martus herausgegebenen Sammelbandes zur "Kunst der Aufrichtigkeit im 17. Jahrhundert". Er liest die theologischen, philosophischen, geschichts- und literaturwissenschaftlichen Texte als Ergänzung zu Peter von Matts Studie über die "Intrige". Gern folgt er dem Vorschlag einer sprachkritischen Begegnung der Kategorien "Aufrichtigkeit" und "Unredlichkeit" im wissenschaftlichen Diskurs und ist den Herausgebern dankbar für die Grundlegung einer Revision des Theorems, wonach die literarische Aufklärung aufrichtig, das Barock jedoch formalistisch verformt gewesen sei. Einen sich dem Thema über das Forschungsfeld der Diplomatie nähernden Beitrag hebt Hirschi besonders hervor. Hier ließe sich die Komplexität frühneuzeitlicher Verhaltensregeln besonders gut untersuchen.
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