Die Biografie des Kommune I-Gründers Dieter Kunzelmann verbindet die Erfahrungen einer Jugend in der fränkischen Provinz mit der Geschichte der subversiven Avantgarde um 1960, der so genannten "Kulturrevolution" der sechziger Jahre und der zunehmenden Radikalisierung und Militanz des beginnenden deutschen Terrorismus seit 1969. In jeder Phase dieser Entwicklung war Kunzelmann an zentraler Stelle an den Aktivitäten der meist sehr kleinen aber einflussreichen Gruppierungen beteiligt, die in den oppositionellen Aufbrüchen der alten Bundesrepublik kreative, anarchische und schließlich gewalttätige Akzente setzten. Sein weiterer Weg durch die orthodoxe K-Gruppen-Szene der siebziger Jahre bis in die Berliner AL und das West-Berliner Abgeordnetenhaus komplettieren eine Biografie, die niemals für die Protestbewegung repräsentativ war oder generationentypisch verlaufen ist, dafür aber zahlreiche symptomatische Einblicke in die Geschichte der Subversion nach 1945 ermöglicht.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.12.2009
Mit merklicher Faszination und trotz allem auch Sympathie zeichnet Willi Winkler den Lebensweg des Dieter Kunzelmann nach, dem Aribert Reimann die erste wissenschaftliche Biografie gewidmet hat. Was Winkler an Kunzelmann so bewundert, ist sein "Gauditum", seine Kunst, zu verschwinden und jeder Verantwortung auszuweichen, so scheint es. Dass Kunzelmann Antisemit ist, stört ihn nicht weiter. Natürlich verurteilt Winkler das für den 9. November 1969 vorbereitete Attentat auf das Berliner jüdische Gemeindehaus, aber er sieht es auch als eine Art surrealistische Aktion. Es klingt eine Spur Verständnis mit für einen, der "jede Art von Autorität" bekämpft. Reimanns Biografie, über deren Inhalt wir nicht viel erfahren, hat Winkler in seinem intellektuellen Abenteurertum jedenfalls zufrieden gestellt, auch wenn er ein nachlässiges Lektorat und zahlreiche Fehler im Detail bemängelt. Winkler kann sie viel eher empfehlen als Wolfgang Kraushaars Buch über "Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus", das die nur zufällig gescheiterte Terroraktion gegen die jüdische Gemeinde erstmals wieder in ein breiteres Bewusstsein rückte. Kraushaar, so Winkler in seiner humorvollen Prosa, habe Kunzelmann "als den allerschlimmsten Finger" denunziert.
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