Mariam Lau

Die neuen Sexfronten

Vom Schicksal einer Revolution
Cover: Die neuen Sexfronten
Alexander Fest Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783828600812
Gebunden, 223 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Was war die sexuelle Revolution, und wie sieht man sie heute? Was sind ihre Schattenseiten, was ihre Verdienste? Mariam Lau gibt darauf eine Antwort und bschreibt die Schauplätze, Aktivisten, Theorieentwürfe und Mythenbildungen der Revolte wie ihre Nachwehen: von der legendären Kommune I mit Uschi Obermeier und Rainer Langhans über das Projekt der sexuellen Aufklärung bis zur Genderdebatte, von der Wirkung eines Alfred Kinsey über Beate Uhse bis zu Lilo Wanders und "Liebe Sünde". Obwohl die sexuelle Revolution zweifellos eine Erfolgsstory ist, hat sie auch unverkennbare Schattenseiten. Die zunehmende Verrechtlichung, Problematisierung und Politisierung des Privaten ist wahrscheinlich die, die am deutlichsten ins Auge sticht. Davon ungetrübt ist allerdings die Freude all jener, die bei Naddel und Lilo Wanders oder beim "Mallorca Fucking Adventure" die Früchte der sexuellen Revolution ernten. Aber so war es doch nicht gemeint, oder?

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.01.2001

Harald Staun würde sich sicherlich nicht an Mariam Lau wenden, wenn er um Rat in Sachen erstarrter "Sexfronten" nachsuchte. Genauso wenig aber entschließt er sich in der Rezension des Buches, Lau konsequent zu kritisieren. Wenn er auch andeutet, dass nicht alle Protagonisten der sexuellen Befreiung sich einen "Musikantenstadl der Erotik" wünschten, bleibt er doch eher bei einer inhaltlichen Wiedergabe der seiner Meinung nach zentralen These, wonach die 68er durch Zerreden der Sexualität alles andere als zur sexuellen Befreiung beigetragen haben und ganz andere Personen wie Beate Uhse die eigentliche Avantgarde der Bewegung waren. Dennoch stört ihn "die durchgängige Tendenz zur Suche nach biografischen Elementen, die Aktivisten oder Theoretiker der sexuellen Befreiung" geprägt haben sollen. Auch scheint es so, dass er Laus Glaube an den Erfolg der sexuellen Revolution im Glück der heterosexuellen Zweierbeziehung nicht folgen kann. Letztendlich empfiehlt er Judith Butler, der Lau den Wunsch nach Bestrafung für ihr Schwulsein unterstellt, das Buch als Lektüre, womit sie seiner Meinung nach gestraft genug sei.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.11.2000

Enttäuscht äußert sich Barbara Sichtermann über das Buch der Journalistin Lau, worin diese mit der Studentenrebellion von 1968, der sexuellen Revolution und der Frauenbewegung abrechnet. "Das 68er-bashing ist in Mode", schreibt Sichtermann verärgert über Lau, die zu dem Ergebnis gekommen sei, dass 68 nur Prüderie, sexuellen Missbrauch und sonst wenig Gutes über die Menschheit gebracht hätte. Sichtermann sieht Vereinfachungen und "willkürliche Ausblendungen" am Werk. Statt einen Blick aufs Ganze zu wagen und die geistige Botschaft der 68er-Bewegung auch in anderen Bereichen wie etwa in der Musik zu suchen, operiere die Autorin mit der biografischen Methode, die sie auf die Führer der Bewegung wie Langhans oder Kunzelmann anwende - nach Sichtermann völlig unzureichend, um "die Substanz einer Bewegung", ihre Tragweite, ihre gesellschaftliche Sprengkraft zu eruieren. Sichtermann ist schlicht empört, wie ignorant Lau sich über heute selbstverständliche Errungenschaften für Frauen und in Bezug auf Kinder äußert. Leider vergisst sie darüber ein wenig, das Buch vorzustellen, das sich in der Rezension immer nur indirekt, durch die inkriminierten Passagen mitteilt. Sichtermann kontert ohne sichtbare Gegnerin. Beim Feminismus vermisse Lau eine Wertschätzung des Mutterdaseins: nicht ganz verkehrt, gesteht die Rezensentin zu, und doch zu kurz gegriffen. Denn nie sei soviel, sagt Sichtermann, über Kinder, Mütter, Väter, Familie, Frau und Beruf gestritten worden wie damals, 68.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2000

Nach Ansicht Richard Kämmerlings ist der Autorin hier ein "brillanter Großessay" gelungen, in dem mit den Bewegungen zur sexuellen Befreiung gnadenlos abgerechnet wird. So geht Mariam Lau, wie der Leser erfährt, beispielsweise auf die Verkrampfungen der Studentenbewegung ein, aber ebenso auch auf "den Selbsthass und die Sexfeindlichkeit des radikalen Feminismus". Galionsfiguren wie Rainer Langhans oder Judith Butler entlarvt sie nach Kämmerlings Ansicht weniger inhaltlich als vielmehr dadurch, in dem sie deren Biografien unter die Lupe nimmt. Die von der Autorin "porträtieren Sexualwissenschaftler und Psychologen (...) hatten durch die Bank einen schweren Zacken", so Kämmerlings, wodurch ihre Theorien eher als persönlich gefärbtes Ansinnen erscheinen. Summa summarum läuft der Essay Laus, wie der Leser erfährt, darauf hinaus, dass es zur dauerhaften Zweierbeziehung keine "haltbare Alternative" gibt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.10.2000

Ein Ergebnis der sexuellen Befreiung sei die Lustlosigkeit, das ist eine - und gar nicht so neue - These aus dem Buch der Journalistin Mariam Lau, die in Anspielung auf Günter Amendts Klassiker `Sexfront` von 1970 die neuen `Sexfronten` abtastet. Ulrike Herrmann gesteht der Autorin einen geistreichen Stil und Polemik zu, der sie über weite Strecken des Buches begeistert folgt. So leuchtet ihr Laus Behauptung ein, die sexuelle Befreiung habe schon vor der Studentenbewegung eingesetzt; folglich beginnt Lau mit dem Kinsey-Report von 1948. Warum aber, fragt sich Herrmann, geht Lau nicht zurück bis zu Freud, den sie zum eigentlichen `sexuellen Befreier` erklärt? Auf diese Weise entzieht sie Freud der historischen Überprüfung, moniert Herrmann, stattdessen würde er als `tödliche Waffe im Krieg um die Diskursherrschaft` nach Belieben gezückt. Für Kommunarden und Feministinnen verspürt Lau nicht viel Sympathie, berichtet die Rezensentin, als Folge der Gender-Debatte diagnostiziere sie `eine neue Ausweglosigkeit`. Alles nicht verkehrt, meint Herrmann, aber warum müsse die Autorin teilweise so scharf schießen? Und vermutet, da wolle jemand sein privates Familienglück verteidigen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Die Literaturwissenschaftlerin Susanne Lüdemann mit zwei Neuerscheinungen zum Stand des heutigen Sexualverhaltens, das zum Entsetzen der Rezensentin in "serieller Monogamie" seinen gesellschaftlichen Konsens zu finden scheine. Es handelt sich um den von Gunter Schmidt herausgegebenen Band "Kinder der sexuellen Revolution - Kontinuität und Wandel studentischer Sexualität 1966-1996" und um Mariam Laus "Die neuen Sexfronten".
1.) Gunter Schmidt (Hrsg.): "Kinder der sexuellen Revolution"
An dieser empirischen Untersuchung von Gunter Schmidt (Hrsg.) bemängelt die Autorin, statt nach Erotik und Einbildungskraft werde nach "messbaren Kruditäten" wie Koitusfrequenz und Partnermobilität gefragt. Das Ergebnis der Studie sei allgemein bekannt und verlaufe von der repressiven Sexualmoral der fünfziger Jahre über die Befreiung der sechziger Jahre bis zur heutigen "Entdramatisierung des Geschlechterverhältnisses". An den Sexualpraktiken habe sich dagegen fast nichts verändert, referiert Lüdemann, nur die Masturbation werde heute frei von Schuldgefühlen praktiziert. Die oft zitierte "neue Lustlosigkeit" sowie das freiwillige Dasein als Single könnten in dem Band dagegen nicht bestätigt werden, vielmehr wünschte sich die große Mehrheit, darunter auch die Homosexuellen, dauerhafte Beziehungen mit einem Partner. "Es ist so schön, dass man fast weinen möchte", schreibt die Rezensentin dazu. Als "Erfolgsgeschichte" wie der Herausgeber die von ihm konstatierte Entwicklung nennt, mag Lüdemann das Ergebnis der Studie nicht verbuchen.
2.) Mariam Lau: "Die neuen Sexfronten"
Auch von diesem Buch wird der Rezensentin nicht besser. Die Geschichte der sexuellen Revolution gerate der Autorin zu einem "vulgärpsychoanalytischem Entlarvungsdiskurs". Dass von Uhse bis Lacan nur agitiert worden sei, um die eigenen Triebkonflikte als Normalität zu verkaufen, wie Lau schreibe, möchte die Rezensentin nicht hinnehmen. Lüdemann stimmt lediglich Laus These zu, die revolte der 68-er Studenten sei ein "Aufstand der Geschädigten" (Lau) im Gewand einer antikapitalistischen Sexualmoral gewesen. Insgesamt scheint die Rezensentin aber die Metaphysik zu vermissen. Sie beschwört Emilia Galottis Wahl zwischen Tod und Verführung ebenso wie Bachmanns "Malina" als Roman des Begehrens. Aber verwechselt Frau Lüdemann da nicht Begehren mit Leiden? Und darf frau sich heute nicht mal ganz undramatisch freuen? Es muss ja niemand "seriell monogam" sein.