Ökologische Landwirtschaft unter SS-Gewalt? Naturheilkunde in einem Konzentrationslager? KZ-Häftlinge, die als Wissenschaftler arbeiteten? Anne Sudrow zeigt in ihrem Buch, in welchem Zusammenhang diese auf den ersten Blick kaum miteinander zu vereinbarenden Phänomene stehen. Ort des Geschehens war der sogenannte Kräutergarten des Konzentrationslagers Dachau - die gärtnerisch-landwirtschaftlichen Versuchsgüter der SS. Hier erforschte das SS-Unternehmen "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung" neue Methoden der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, der alternativen Medizin sowie der Vollwert-Ernährung. Die Geschichte dieses Produktions- und Forschungsbetriebs im KZ Dachau und seiner Außenlager wird hier erstmals umfassend untersucht und historisch eingeordnet sowie dessen wichtigste Akteure benannt. Die Studie zeigt, wie es zur Gründung dieses Unternehmens kam. Sie fragt nach dem Alltag und den Erfahrungen der KZ-Häftlinge, die dort im größten Arbeitskommando des KZ Dachau Zwangsarbeit für die Wissenschaft leisten mussten. Welche Art von Produkten und Wissen entstand dabei? Und wie wirkten diese bis in unsere Zeit fort? Diese Studie entstand im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Dachau.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.12.2025
Die ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte und Rezensentin Barbara Distel liest die beiden von Anne Sudrow im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Dachau verfassten Bände über den vom KZ Dachau zusammen mit Häftlingen betriebenen anthroposophischen Kräutergarten mit Interesse. Die auf die beiden Bände verteilte detaillierte Analyse dieses Arbeitskommandos und seiner Nachkriegsgeschichte fokussiert laut Distel auf eine kleine Gruppe Gefangener, die in der "Plantage" unter Sonderbedingungen lebten und arbeiteten. Auch wenn die Autorin der Frage nach dem Opferstatus dieser Personen nicht unbedingt gerecht wird und deren Perspektive auch nicht wie angekündigt sichtbar macht, wie Distel kritisiert, erfährt der Leser viel über die Strukturen und vor allem die unrühmliche Rolle Bayerns in der Nachkriegsgeschichte dieser Institution, befindet Distel.
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