Lion Feuchtwanger wurde bei seinem Besuch in der Sowjetunion um die Jahreswende 1936/1937 mit allen Ehren empfangen: Das exklusive Interview, das Stalin dem Autor gewährte, und die Einladung zur Teilnahme am zweiten Moskauer Schauprozess belegen den hohen politischen Rang, der dem Schriftsteller beigemessen wurde. Die Fürsorge der Gastgeber zeigte zugleich aber auch ihre Furcht vor einem zweiten Fall André Gide, dessen kurz zuvor erschienenes, kritisches Russlandbuch in der Sowjetunion wie bei den europäischen Linksintellektuellen Entsetzen ausgelöst hatte. Feuchtwanger bezeichnete seinen Reisebericht "Moskau 1937" selbst als "pro-bolschewistisches Buch" und wurde für seine unkritische Haltung vielfach angegriffen. Anne Hartmann zeigt jedoch anhand einer Fülle persönlicher Briefe und Tagebucheinträge Feuchtwangers sowie anhand von Dokumenten des russischen Geheimdienstes, dass der berühmte Schriftsteller keineswegs so naiv und "blind" war, wie oft behauptet wird. Aber warum gefährdete der skeptische Beobachter seine ganze Reputation mit diesem Buch, das offensichtlich nicht seine persönliche Meinung widerspiegelt?
Die Autorin hat Quellen aus Archiven in Russland, den USA und Deutschland erschlossen, um die Reise und das Entstehen des Reiseberichts erstmals nachvollziehbar zu machen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.01.2018
Thomas Medicus erfährt aus dem von Hermann Haarmann herausgegebenen und von der Slawistin Anne Hartmann verfassten, laut Medicus sorgfältig edierten Band Neues über Lion Feuchtwangers Moskau-Reise vor 70 Jahren. Klug und aufschlussreich findet der Rezensent, wie die Autorin das gesammelte und übersetzte Archivmaterial aus Los Angeles und Moskau auf zwei Kapitel verteilt und einerseits mittels Briefen, Berichten und Tagebucheinträgen die Reise kontextualisiert, andererseits Geheimdienstberichte versammelt. Am interessantesten ist für Medicus die Aufzeichnung des Gesprächs zwischen Feuchtwanger und Stalin im Kreml.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2017
Rezensentin Susanne Klingenstein hält Anne Hartmanns Buch für einen großen Wurf. Wie die Slawistin mittels Recherche in russischen, deutschen und amerikanischen Archiven sowie aus Tagebüchern, Interviews und Briefen Lion Feuchtwangers Moskau-Reise und -Bericht rekonstruiert und zu einer spannenden Geschichte formt, findet Klingenstein stark. Wie und woraus das positive Russland-Bild Feuchtwangers sich zusammensetzt, kann die Autorin ihr auf "geniale" Weise vermitteln. Und Feuchtwanger erscheint in neuem Licht, staunt Klingenstein.
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