Angelika Overath

Nahe Tage

Roman in einer Nacht
Cover: Nahe Tage
Wallstein Verlag, Göttingen 2005
ISBN 9783892449270
Gebunden, 152 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Johanna steht am Bett ihrer toten Mutter und hört, wie sie atmet. Mit dieser Sinnestäuschung beginnt die Inventur einer Kindheit. Den Plastiksack mit den letzten Habseligkeiten der Verstorbenen in der Hand, verlässt Johanna das Krankenhaus, in das sie zuletzt täglich von ihrem 100 Kilometer entfernten Wohnort aus angereist war. Nun kehrt sie zurück in die mütterliche Wohnung, in der sie selbst vor langer Zeit einmal gelebt hat. Zwanghaft sortiert sie die Textilien nach Temperaturverträglichkeit, und während das Wasser in die Waschmaschine läuft und die Trommel zu rotieren beginnt, werden kaum beachtete alltägliche Dinge zu Auslösern für die Erinnerung an vergessene Wörter und Erlebtes...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.03.2006

Beeindruckt berichtet Cornelia Jentzsch von ihrer Lektüre, die man wohl als zustimmend werten kann, auch wenn sie sich in ihrer Besprechung vor allem aufs Referat beschränkt. Angelika Overath schildert die Nacht einer Frau, die sich mit dem Tod ihrer gerade verstorbenen Mutter konfrontiert. Strich für Strich zeichne Overath dabei die konfliktreiche Beziehung zwischen Tochter und Mutter nach. Die Mutter, so erfahren wir, war nach dem Krieg aus Böhmen geflohen, doch nie in der Lage, all ihre Erschütterungen in ein "existenzielles Verständigen" zu übertragen. Vielmehr war sie ihr Leben lang von einem zwanghaften Sauberkeitswahn beherrscht - und dem Versuch, ihr eigenes Leben über das der Tochter zu legitimieren. Die Größe des Buches sieht Jentzsch in ihrem abschließenden Urteil darin, dass es sich mit der Weigerung der Tochter auseinander setzt, das Leben der Mutter "weiterzutragen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2006

Beeindruckt zeigt sich Rezensentin Sabine Löhr von Angelika Overaths "verstörendem" Debütroman "Nahe Tage". Die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind mit gewalttätiger, schlingpflanzenartiger Liebe an sich bindet, ohne je in der Lage zu sein, mit der Tochter wirklich zu sprechen, und deren Tod, die Tochter in einen Art Schockzustand versetzt, hat Löhr sichtlich berührt. Sie lobt die "lakonische Behutsamkeit", mit der Overath Szenen einer unglückseligen familiären Dreierkonstellation aus schwachem Vater, verlustangstgeplagter Mutter und familienkittendem Heilsbringerkind zeichnet. Overaths Sätze findet sie stets "unsentimental" und von einer "klugen Klarheit". Überhaupt erscheint ihr Sprache in diesem Roman noch "dichter" als in Overaths beiden Reportagesammlungen. Hier bleibe "keinerlei Platz für entspannte Plaudereien oder füllende Mörtelworte, lückenlos fügt sich ein präziser Satz an den nächsten".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.12.2005

Meike Fessmann sieht Angelika Overath mit ihrem Erstlingsroman "Nahe Tage" in der Nachfolge von Jelinek und Kafka stehen - wobei die Autorin ihre Sache nach Ansicht der sichtlich beeindruckten Rezensentin geschickter macht als die Nobelpreisträgerin, da man bei ihr nur nach und nach erkennt, woran man ist als Leser. Ein klaustrophobischer "Horrortrip in die Vergangenheit" sei dieses Buch, von der Erzählerin, die gerade den Tod ihrer Mutter erlebt hat, in einer Nacht dargeboten. Die Einbauküchen-Enge der Kindheit, der tyrannische Putzzwang der Mutter, die ihre Vertreibung aus dem Sudentenland lebenslang nicht zu verwinden vermochte, der Irrsinn des Vaters, vor der Außenwelt sorgsam verheimlicht: das sind die Zutaten einer Familiengeschichte, die so normal war wie katastrophal. Dabei könne sich die Autorin, die bislang nur mit kleineren Werken in Erscheinung getreten, auf eine Sprache verlassen, die ebenso nüchtern wie gewandt daherkommt, lobt die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.10.2005

Sprachlosigkeit in Worte zu fassen, ist eine hohe Kunst, meint Andrea Köhler, und bescheinigt Angelika Overath, dies in ihrem Romandebüt geschafft zu haben. Die Sprachlosigkeit, um die es geht, ist die der Elterngeneration nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der sich die Kinder auseinandersetzen, in diesem Fall die Protagonistin nach dem Tod ihrer Mutter in deren leerer Wohnung. Dabei gehe die Autorin sprachlich und stilistisch derart behutsam vor, dass es ihr gelinge, in den Worten "das Ungesagte, die Scham und den Skandal" hauchzart mitklingen zu lassen, stellt die Rezensentin berührt fest. Allein ein Teil der Geschichte fällt aus diesem Tonfall heraus, eine mitternächtliche Unterhaltung mit einer Pizzabotin, die "für diese inwendige und am Verstummen geschulte Prosa zu alltagsgetreu" ist und der Rezensentin entsprechend weniger gefällt.
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