Aus dem Russischen von Rosemarie
Tietze. "Jenseits des Puschkin-Passes, wo die biblische Landschaft Armeniens allmählich dem warmen und feuchten Lebensatem Georgiens weicht und alles so stetig und zielstrebig anders wird, bogen wir von der Landstraße ab und tauchten ins herandrängende Grün." Die Fahrt durch eine Schlucht, über eine löchrige Brücke, die den Blick auf ein Autogerippe tief unten im gischtenden Wasser freigibt, gleicht einem Augenrausch. Als hätte der Mensch die Welt soeben zum ersten Mal betreten.
Das Ziel der Reise ist die Ankunft in der Gegenwart, "im Echten", dort, wo man im Fremden ganz bei sich ist. Bitow erhebt die Fernsicht zum poetischen Prinzip. Was ihm im Süden wie eine Gnade zuteil wird - die Fülle des Lebens -, das kann er im russischen Norden, in der Stadt, nur im Wachtraum, im Bewusstseinsdämmer heraufbeschwören.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.08.2017
Rezensentin Marleen Stoessel entdeckt Andrei Bitows im Original 1996 erschienenes Buch neu. Rosemarie Tietzes "virtuose" Übersetzung in der um einen Prolog ergänzten Wiederauflage führt sie hinein in Bitows mosaikartig gestaltetes, melancholisches Sehnsuchtsbuch. Über die absurden Lebensverhältnisse der Zeit vor Glasnost berichtet der Autor der Rezensentin und beeindruckt sie mit der geschickten Überlagerung von Zeiten und Orten, Erinnerung und Geschichte. Bitows Assoziationen und Sprünge erinnern Stoessel an Nabokov.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.05.2017
Stephan Wackwitz hält die schön gemachte Wiederauflage von Andrej Bitows erstmals 1996 ganz publiziertem Roman für ein feines Geburtstagsgeschenk zum 80. des Autors. Bitows avantgardistisches ornamentales Erzählen, meint er, ist hier gut zu bestaunen, zumal die Übersetzerin Rosemarie Tietze am Werk war und die in den Band aufgenommenen "Genrefotografien" aus dem Tiflis der 80er Jahre das Ganze dokumentarisch veredeln. Bitows autobiografisch abschweifender Stil mit apokryphen Andeutungen, mündlicher Rede, Einbezug des impliziten Lesers, Gedankenstriche, Ausrufezeichen und "Pünktchentiraden" gefällt Wackwitz als "Jo-Jo" zwischen dem vom Autor in Georgien erlebten Fremden und dem Eigenen (also Leningrad).
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