So paradox es klingt: Die Geschichte besteht nicht nur aus dem, was geschehen ist. Auch das, was hätte geschehen können, aber nicht geschah, kann Thema historischer Untersuchung werden. Es sollte sogar dazu werden. Denn auch das, was wirklich geschehen ist, erhält seinen Sinn und Stellenwert erst vor dem Hintergrund dessen, was auch hätte geschehen können. Solche Überlegungen wurden bisher nicht für die Musikgeschichte fruchtbar gemacht. Der Band "Vom Preis des Fortschritts", mit Beiträgen von Forschern unter anderem aus Princeton, Oxford und Cambridge, fahndet mit teils überraschenden Resultaten nach den verspielten Optionen der Musikgeschichte, nach jenen Möglichkeiten, die dem Druck der großen musikhistorischen Entscheidungen Europas, etwa dem Werkkonzept, der Notation, der Mehrstimmigkeit oder der temperierten Stimmung, unterlagen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.02.2009
Der durchaus grundsätzlichen Frage, ob es, wie es kam, gut war, geht dieser Band nach. Genauer gesagt: Es geht um die Frage nach der Möglichkeit von Gewinn- und Verlustbilanzen in der Musikgeschichte. In erster Linie letzteres ermöglicht ungewohnte Perspektiven, ist man, so Kristina Maidt-Zinke in ihrer Besprechung dieses Tagungsbands, doch immer eher geneigt, an Fortschrittsgeschichten zu glauben. Aber vielleicht war die Entwicklung der Stimmungssysteme suboptimal? Oder wären jedenfalls nicht andere, gleichwertige Schritte möglich gewesen? Sehr anregend findet die Rezensentin diesen Band, in dem es durchaus auch um philosophische Erwägungen zu den vom historisch Konkreten aufgeworfenen Sachverhalten geht.
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