Vergessen als Filter, als Waffe und als Voraussetzung für die Schaffung des Neuen.
Angesichts der gegenwärtigen Dominanz der Auseinandersetzung mit Erinnerung haben wir das Vergessen anscheinend vergessen. Tatsächlich ist aber nicht das Erinnern, sondern das Vergessen der Grundmodus menschlichen und gesellschaftlichen Lebens. Für das Erinnern bedarf es einer aktiven Anstrengung, Vergessen hingegen geschieht lautlos und scheinbar unspektakulär.
Dass Vergessen aber auch ein aktiver Prozess sein kann, zeigt Aleida Assmann in ihrer zweigeteilten Untersuchung. Im ersten Teil beschreibt sie neben sieben konkreten Techniken für das Vergessen dessen verschiedene Ausprägungen. Im zweiten Teil liefert Assmann sieben Beispiele zu den zuvor beschriebenen Formen des Vergessens.
Aleida Assmanns neues Buch "Formen des Vergessens" hat das Potential zum Standardwerk, konstatiert Rezensent Marc Reichwein. In dem Werk der Expertin für Erinnerungskultur lernt er nicht nur, wie konstruktiv und wichtig das Vergessen mitunter für den biografischen oder politischen Neubeginn sein kann, sondern auch, dass nicht "Erinnern, sondern Vergessen der grundlegende Modus menschlichen und gesellschaftlichen Lebens" ist. Assmanns Fallstudien, etwa zum Verschwinden von Lenin-Denkmälern in den früheren Ostblockstaaten, findet der Kritiker beeindruckend. Insbesondere aber verdankt er diesem Buch Einblicke in die zahlreichen Graustufen zwischen affirmativem Erinnern und negierendem Vergessen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2016
Peter Hoeres empfiehlt Aleida Assmanns Darstellung von sieben Formen des Vergessens am ehesten noch wegen des Blicks der Autorin in die Zukunft des Vergessens. Hier scheint ihm die Autorin überzeugender als in ihren historischen Ausführungen, die sie laut Hoeres normativ moralisch grundiert als destruktiv, konstruktiv und neutral. Assmanns Kategorisierungen kann Hoeres nicht nachvollziehen, genauso wie einige ihrer historischen Einordnungen. Schade findet der Rezensent ferner, dass sich die Autorin ausschließlich Fällen annimmt, die dem Vergessen bereits entrissen sind, anstatt sich um Geschehnisse zu kümmern, die gerade ins Vergessen zu sinken drohen, die Deportation der Russlanddeutschen unter Stalin etwa.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 31.10.2016
Knud von Harbou liest diese Texte aus den Frankfurter Vorlesungen der Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann mit Gewinn. Die Autorin bleibt in ihnen ihrem Lebensthema treu, den Variationen zwischen Erinnerung und Vergessen, das sie hier nicht unbedingt weiterführt, sondern auffächert, indem sie weitere kulturgeschichtlichen Erscheinungen des Vergessens hinzufügt. Mit sieben Fallgeschichten erhält Harbou viele Denkanstöße zu weiteren Komplexen, zum Stellenwert des Vergessens im Internet etwa oder zum Erhalt des Wissens um die NS-Geschichte. Das Schlagwort- oder Handbuchartige des Bandes, das laut Rezensent ohne Assmanns deskriptive Ethnografie des Vergessens auskommt, scheint ihm aber jedenfalls erwähnenswert.
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