Albrecht Koschorke

Die Heilige Familie und ihre Folgen

Ein Versuch
Cover: Die Heilige Familie und ihre Folgen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783596147656
Taschenbuch, 240 Seiten, 13,24 EUR

Klappentext

Die Heilige Familie als Kern einer christlichen Tradition, welche die elementaren sozialen Codes prägte: Von den Schwierigkeiten der Kirchenväter mit der Josephs-Figur bis zu Freuds ödipalen Familienbanden und gegenwärtigen Diskussionen über die Rolle der Familie.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.12.2000

Eine wagemutige Analyse, findet die Rezensentin Susanne Mayer. Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke habe eine provokante Auslegung der Jesus-Geschichte und ihrer Folgen vorgelegt, aus der dem Leser aber leider "gedankliche Girlanden" wüchsen. Die Rezensentin würdigt zwar die Belesenheit und den analytischen Sachverstand des Autors, aber sie vermisst seinen Respekt vor dem spirituellen Gehalt der biblischen Geschichte. Koschorke pflücke auseinander, was gerade die Kraft des Glaubens vereinige. Das rühre auch daher, weil der Autor die biologische Komponente völlig vernachlässigt habe. Und damit sei aller semiotischen Feinheit zum Trotz unberücksichtigt geblieben, dass es auch tiefere Schichte von Vater-Mutter-Kind-Beziehungen gebe, an die rein soziologische und semiotische Interpretationen nicht heranreichten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.12.2000

Aus der Feder eines Germanisten stammt ein bemerkenswerter Essay zum Thema Familie, den Rezensent Ulrich Speck als nur "scheinbar antiquarisch", in Wahrheit aber "in hohem Maße aktuell" bezeichnet. Der Titel deutet schon an, dass sich der zeitliche Rahmen, in dem die Erörterung des Themas stattfindet, bei den Ursprüngen des Christentums beginnt und bis in die heutige Zeit reicht. Speck gibt dem Leser einen prägnanten Eindruck darüber, was ihn bei der Lektüre des Essays erwartet: Der Text sei in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird ein Widerspruch aufgedeckt, den der Rezensent als "folgenreich" für unsere Zeit bezeichnet: auf der einen Seite das innige Bild der heiligen Familie, das unser heutiges Familienbild entscheidend geprägt hat, auf der anderen Seite die doch eher wirren (unmoralischen?) Familienverhältnisse mit Josef als dem Nährvater von Jesus, Gott im Himmel als dem richtigen Vater und dem heiligen Geist, der Maria geschwängert haben soll. Dieser interessanten Grundüberlegung folgen wissenschaftliche Deutungen und Theorien rund um die heilige Familie, um schließlich im dritten, historisch angelegten Teil konkrete Bezüge zu nachfolgenden Epochen herzustellen. Dabei gewinnt das laut Speck dominierende Thema des Essays markante Konturen. Koschorke gibt einen "Ausblick auf `die Restfamilie im Wohlfahrtsstaat`". Die schwache Vaterrolle, die wir heute beklagen, fasst Speck die Bilanz des Essays zusammen, geht auf die Anfänge des Christentums zurück, der moderne Staat ist dafür verantwortlich, "den Keim zur Blüte gebracht zu haben".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.11.2000

Andreas Bernard scheint einige verblüffende Erkenntnisse aus der Lektüre dieses Buchs gezogen zu haben. So verweist er darauf, dass Jesus nach der Bibel im Grunde Kind einer Leihmutter gewesen ist, eine Situation, mit der auch Joseph "zurechtkommen" musste. Sichtlich beeindruckt zeigt sich der Rezensent von den Verknüpfungen, die Koschorke zwischen der Darstellung der Heiligen Familie als Kleinfamilie (dabei hatte Jesus in Wirklichkeit mehrere Halbgeschwister) und verwaltungstechnischen Veränderungen anstellt. So referiert Bernard, dass Jesus sich stets gegen Blutsbande gewandt hat und den Glaube als wirkliches Band zwischen den Menschen gepredigt hat, was letztlich familienfeindlich sei. Ähnlich sei es bei der Organisation der Gesellschaft hin zum Zentralstaat vor sich gegangen, welcher durch Inzestverbot und verändertes Erbrecht die großen Familienverbände zurückdrängte bis nur die leicht kontrollierbare Kleinfamilie übrig blieb, wie Koschorke anschaulich beschrieben habe. Besonders überzeugend findet Bernard die These des Autors, dass die Abspaltung des eigentlichen Vaters in der Heiligen Familie mit den Zuständen in einem Staat korrespondiert, wo ebenfalls eine "externe Instanz" den patriarchalischen Part übernimmt. Nicht zuletzt habe sich der Begriff von `Vater Staat` eingebürgert. Koschorkes Buch ermöglicht dem Leser nach Ansicht des Rezensenten, die "anhaltende symbolische Kraft einer unzeitgemäß erscheinenden Ikone" zu verstehen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000

Angelika Dörfler-Dierken gefällt die These des Konstanzer Literaturwissenschaftlers Albrecht Koschorke, dass die Familienstory von Jesus, Maria und Joseph zum ?grundlegenden abendländischen Code? wurde. Dass er mit Girard und einer modifizierten Version von Freuds Ödipuskomplex operiert, findet sie auch in Ordnung: Damit schlägt Koschorke den Bogen von Bethlehem zum Gegenwartspatriarchat. Worin das Neue des Buchs besteht, verrät sie in ihrer kurzen Kritik nicht.