Scham gehört zum Menschen wie die Geschlechtlichkeit und das Bewusstsein - davon erzählt schon die Geschichte vom Sündenfall. Kaum eine Empfindung besitzt mehr Macht im Alltag und kaum eine ist heutzutage tabuisierter als sie. Obwohl sie scheinbar zuerst auf das Sexuelle zielt, trifft sie uns ganz, Körper und Seele zugleich. Beschämung wird als Machtinstrument gnadenlos instrumentalisiert. Doch als Mechanismus, der die empfindlichsten Anteile der Persönlichkeit schützt, ist das Schamgefühl nicht nur ein moralischer Kompass, sondern auch eine Schildwache der Integrität - obgleich sein Stern im heutigen Selbstdarstellungsrummel zu sinken scheint.
Andrea Köhlers Essay geht den ambivalenten Spuren, welche die Scham im Alltag, in der Politik, der Kindererziehung, der Literatur, der Kunst und in den sozialen Medien hinterlässt, nach und zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie prägend die Macht dieses vermeintlich altmodischen Affekts für unser persönliches und gesellschaftliches Leben bleibt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.08.2017
Warum das Schamgefühl im Zeitalter der vermeintlichen Schamlosigkeit paradoxerweise eine ganz besonders wichtige Rolle spielt, weiß Rezensent Oliver Pfohlmann nach der Lektüre von Andrea Köhlers Essay, in dem die Autorin weniger "systematisch" als "schlaglichtartig" das Thema Scham aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und dabei interessante und wichtige Fragen aufwirft, zum Beispiel warum man sich von Schuld befreien kann, jedoch nicht von Scham. Ihrem Thema wird Köhler gerecht, indem sie einschlägige Theorien erläutert, zahlreiche Beispiele anbringt und von eigenen Erfahrungen erzählt, lesen wir. Es ist ein in jeder Hinsicht bereicherndes, "dicht und elegant geschriebenes" Buch über ein menschliches Gefühl, dem wir mehr Aufmerksamkeit schenken sollten, so der begeisterte Rezensent.
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