Albert Cohen

Oh, ihr Menschenbrüder

Erzählung
Cover: Oh, ihr Menschenbrüder
Ca ira Verlag, Freiburg i. Br. 2024
ISBN 9783862591886
Gebunden, 124 Seiten, 19,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ahlrich Meyer. Während Albert Cohen in Frankreich als Schriftsteller ersten Ranges gilt, ist er hierzulande beinahe unbekannt. "Oh, ihr Menschenbrüder" ("Ô vous, frères humains") begriff er als sein Testament. In dem Alterswerk wendet sich Cohen, der sich dem Tode nahe sieht, seinem sehr viel jüngeren Ich zu und teilt darin seine Erfahrung mit, die ihn zeitlebens nicht mehr loslassen sollte. Als er an seinem zehnten Geburtstag von einem französischen Straßenhändler als Jude beschimpft wird, bricht für ihn eine Welt zusammen. Was folgt, ist eine Erschütterung, wie sie womöglich nur die Literatur darzustellen vermag. Der Antisemitismus, der ihm in der alltäglichsten Szene entgegenschlägt, ist nicht mehr der alte, christliche Antisemitismus, sondern der radikale Antisemitismus der Dreyfus-Affäre. Dieser Antisemitismus hat - wie Cohen selbst festhält - seinen Fluchtpunkt in den deutschen Vernichtungslagern.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 11.06.2024

Ein eindringliches, wichtiges Buch ist das, findet Rezensent Marko Martin. Geschrieben wurde es im Jahr 1972 von Albert Cohen, und es beschreibt, lesen wir, ein Kindheitserlebnis aus dem Sommer 1910. Ein Junge wird, fasst Martin die Handlung zusammen, von einem Straßenhändler antisemitisch beleidigt, der auch noch Beifall dafür erhält. Der Junge ist traumatisiert, seine Jugend zu Ende. Nicht zur wütenden Streitschrift wird dieses schmale Buch, beschreibt Cohen, vielmehr geht es um Einfühlung, darum, wie der Vorfall den Blick auf die Welt verändert und die Allgegenwart des Antisemitismus sichtbar macht. Um diesen zu bekämpfen, setzt Cohen, führt der Rezensent weiter aus, nicht auf das "Illusionäre" der Nächstenliebe, sondern auf Einsicht in die Mortalität aller Menschen. Ein gerade heute wieder notwendiges Buch, das von Ahlrich Meyer perfekt ins Deutsche übertragen wurde, so Martins Fazit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2024

Es ist mehr als eine Besprechung, eher ein eindringlicher Essay, den der junge Philosoph Sebastian Tränkle über dies in einem kleinen Verlag erschienene und doch so aktuelle Buch verfasst - und dies obwohl das Original über fünfzig Jahre alt ist. Das kleine Buch, ein Alterswerk, kreist um eine Szene aus Cohens Kindheit, an der er das Wesen des Antisemitismus exemplifizieren kann, aber literarisch, denn es handelt sich um eine eigene, immer wieder reflektierte Erfahrung: Als Kind griechischer Juden wuchs Cohen in Marseille auf, erzählt der Rezensent. Er liebte die Kultur und Sprache seiner neuen Heimat, bis er als Zehnjähriger von einem Straßenhändler wüst als Jude beschimpft wurde. Beeindruckt schildert Tränkle, wie Cohen seine durchaus kindliche Reaktion auf diese Beleidigungen und das hämische Lachen der Umstehenden beschreibt und erkennt in der Beschreibung der so persönlichen Szene zugleich Gesetzmäßigkeiten, wie sie Adorno in seinen "Minima Moralia" über den Antisemitismus beschrieben hat. Gerade im Licht des 7. Oktober, nach dem ganz unerwartete Akteure einen ungenierten Antisemitismus entfalteten, empfiehlt Tränkle die Lektüre. Und empfiehlt im übrigen ebenso dringend einen Comic, den der Charlie-Hebdo-Zeichner Luz nach diesem Buch zeichnete und der noch der Übersetzung harrt.

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