Alain de Libera

Denken im Mittelalter

Cover: Denken im Mittelalter
Wilhelm Fink Verlag, München 2003
ISBN 9783770532421
Kartoniert, 310 Seiten, 41,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Andreas Knop. Was heißt denken? Wurde im Mittelalter in einem starken, heideggerschen Sinn gedacht oder wurde nur exzerpiert, kompiliert und kommentiert? Ob es ein Denken im Mittelalter gab, wird man nur herausfinden, wenn man an das Mittelalter denkt. Von daher der doppeldeutige Titel, den Alain de Libera seinem Buch gegeben hat: "Penser au moyen age" - Denken im Mittelalter, An das Mittelalter denken. Ein verwandtes Problem hat Jacques Le Goff in "Die Intellektuellen im Mittelalter" behandelt. Doch anders als der Historiker Le Goff, der vor allem die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen des intellektuellen Diskurses untersucht, analysiert de Libera die Texte und Diskurse selbst. Sein Thema ist weniger der Intellektuelle als greifbare Person, sondern das Ideal eines intellektuellen, philosophischen Lebens.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.04.2004

Ein "ebenso gelehrtes wie unterhaltsames Buch" erblickt Rezensent Dominik Perler in Alain de Liberas "Denken im Mittelalter", das nun in einer "vorzüglichen" deutschen Übersetzung vorliegt. Wie Perler berichtet, zeichnet der an der Universität Genf lehrende Mediävist ein buntes Bild vom intellektuellen Leben im Mittelalter, das mit der einseitigen Auffassung von der mittelalterlichen Philosophie als "Magd der Theologie" aufräumt. Im Mittelpunkt des Buches sieht er drei Diskurse im Übergang vom 13. zum 14. Jahrhundert, an denen Libera exemplarisch das konfliktreiche Denken im Mittelalter aufzeige: jene über Sexualmoral, Glück und intellektuelle "Gelassenheit". Dabei gehe es Libera vor allem um das intellektuelle Selbstverständnis der philosophierenden Frauen und Männer. Er zeige zum einen, dass es im Mittelalter ein Ideal der intellektuellen Autonomie gab, zum anderen, dass ein inneres Glück angestrebt wurde, das keineswegs mit dem äußeren Glück eines erfolgreichen Universitätsdozenten zusammenfallen musste. Am interessantesten findet Perler die Ausführungen zum verdrängten arabischen Erbe der mittelalterlichen Philosophie. Mit "rhetorischer Brillanz" demonstriere Libera hier, "dass die lateinische Philosophie vorwiegend ein 'Importprodukt' aus der arabischen Welt war." Dabei wird der Autor bisweilen auch polemisch, so Perler, etwa wenn er sich gegen Le Pen und dessen Anhänger wendet, die ein 'reines' christliches Abendland konstruieren, das es nie gegeben hat.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.02.2004

Diesen Band zur Philosophie des Mittelalters von Alain de Libera lobt Ralf Grötker in den höchsten Tönen. Dem französischen Mediävisten gelingt mit diesem Buch über das intellektuelle Leben im Mittelalter der "Spagat", ein breites Lesepublikum zu bedienen und gleichzeitig einen wissenschaftlichen Forschungsbeitrag zu leisten, freut sich der Rezensent. Dem Autor ist es wichtig, mit gängigen Vorurteilen aufzuräumen, betont Grötker, der in dem Band nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit der "historischen Soziologie" entdeckt, mit der sich de Libera nicht zufrieden geben will. Vielmehr geht es ihm in seinem Buch auch darum, ein Stück Philosophiegeschichte, die sowohl die Ethik als auch die Physik mit einbezieht, zu rekapitulieren, erklärt der Rezensent. Vieles, was er in dem Buch gefunden hat, ist auch heute noch "aktuell", wie beispielsweise das Spannungsverhältnis von "Glaube und Vernunft", intellektuelles "Selbstverständnis" und die Auseinandersetzung zwischen jüdisch-christlichen und islamischen Traditionen, so Grötker zustimmend. Bei letzterem Thema sieht er auch ein pädagogisches Interesse des Autors zu Tage treten, nämlich den Standpunkt de Liberas, dass arabische Jugendliche in Frankreich ein Recht darauf hätten, von arabischer Philosophie und Theologie auch in der Schule zu lernen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2003

Dieser Essay von Alain de Libera aus dem Jahre 1991 liefert für Rezensent Michael Borgolte die Antwort auf die vielgestellte Frage: "Was kommt nach der Annales-Schule?" Zu Recht, lobt Borgolte außerdem, sei diese Übersetzung von de Liberas Buch durch Andreas Knop preisgekrönt worden. Sie bewahre "die pointenreiche Sprache" eines "begnadeten Polemikers", evoziere "die Melancholie" eines "wenig beachteten Weltdeuters" und erhelle die "Passagen" eines "heftigen Denkers", der Martin Heidegger mehr verdanke als Max Weber. Vor allem aber empfiehlt Borgolte dringend: "Dieses Buch muss man lesen" - weil es in ihm "um nichts Geringeres geht als um die Existenz des Intellektuellen." De Libera erfährt man, blendet hier auf Le Goffs Klassiker "Die Geburt des Intellektuellen" zurück, behandele das Thema nun aber auch ideen-, philosophie- und theologiehistorisch, und zeige so unter anderem, dass die entscheidenden Vorgänge nicht etwa in Paris, nicht einmal in einer Universitätsstadt, sondern "in den Städten des Rheintals" im 13. Jahrhundert stattgefunden haben.
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