Täuschung
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN
9783446288355
Gebunden, 208 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Die Geschichte zweier junger Menschen in Palästina. Gezeichnet von der jahrzehntelangen Besatzung und den gescheiterten Friedensplänen der Neunzigerjahre, werden die beiden immer wieder an den Rand des Daseins gedrängt werden. Namen, Orte oder Daten werden nicht erwähnt, allein der Wandel der Jahreszeiten bezeugt ihre innere Zerrüttung. Bäume, Tiere und Verstoßene spenden Trost oder bringen Pein, während die Träume der Protagonisten zunehmend verblassen.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 07.11.2026
"Fast fatalistisch" wirkt Adania Shiblis neuer Roman auf den Kritiker Carsten Hueck, er ist durchzogen von Gefühlen der Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, die beiden namenlosen Figuren, um die es geht, finden kaum eine Sprache für das, was (ihnen) geschieht. Einer der Protagonisten ist ein palästinensischer Falafelverkäufer, die andere palästinensische Studentin an einer israelischen Universität, erfahren wir, sie haben sich in ihrer Jugend beide für die palästinensische Freiheit eingesetzt, Parolen gesprayt und den Terrortaten der Intifada gehuldigt, doch nur er musste die Konsequenzen in Form von Gefängnis tragen. Die Studentin versucht, an der Uni nicht aufzufallen, auch in ihrem Job bei einer NGO nicht, obwohl ihr deren Projekte eigentlich nur vorkommen wie die Verwaltung eines von Israel zu verantwortenden Elends, wie wir lesen, die Figuren haben alle keine Namen, sondern werden nur mit ihrer jeweiligen Funktion bezeichnet. Hueck erinnert das an die Distanz, die Brecht im Theater herzustellen wusste, durch die sachliche, subtile Sprache wird deutlich, wie bedrückend die Lage eigentlich ist. Hier lässt sich viel über das Leben und Mentalität der Palästinenser, aber auch die politischen wie privaten Funktionen von Sprache lernen, resümiert er.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 24.09.2026
Nach dem für Rezensent Tobias Lehmkuhl beschämenden Umgang mit ihrem ersten auf Deutsch übersetzten Roman liegt jetzt das zweite Buch von Adania Shibli vor, die für Lehmkuhl eine "begnadete Stilistin" ist. Auch hier geht es wieder um gesellschaftliche und hochpolitische Konflikte, wieder spielt das palästinensisch-israelische Verhältnis eine wichtige Rolle: Shibli schreibt über zwei junge Palästinenser, die zu Beginn der ersten Intifada zunehmend isoliert leben, keinen Antrieb mehr haben, keinen Halt finden. Die junge Frau studiert an einer israelischen Universität, spricht aber nur sehr wenig Hebräisch, die männliche Hauptfigur hingegen hat die Aussprache von "drei entscheidenden Lauten" in einem mehrjährigen Gefängnisaufenthalt von den Wärtern gelernt, lesen wir. Das Ringen der Figuren um Sprache, aber auch die Perspektivlosigkeit der politischen Situation, spiegelt die Autorin in klaren Sätzen, die für den Kritiker hypnotische Wirkung haben. Ihn überzeugt zudem, wie poetisch Shibli immer wieder über die so schöne wie von Entbehrungen gezeichnete Umwelt schreibt, der Feigenbaum wird bei ihr zum Symbol für die Verwurzelung mit der Heimat. Mit diesem Buch hat sich die Autorin laut Kritiker jedenfalls endgültig einen festen Platz auch in der internationalen Szene erschrieben.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 19.09.2026
Rezensent Jan Küveler übt scharfe Kritik an Adania Shiblis neuem Roman. Nachdem schon ihr vorheriger Roman "Eine Nebensache" als 'Propagandastück' (Maxim Biller) bezeichnet wurde - zu Recht, wie Küveler findet - hält ihm zufolge auch ihr neuer Roman kaum mehr Differenziertheit bereit. Zwar treten israelische Figuren in der Geschichte, die sich zwischen der ersten Intifada und den Oslo-Jahren verortet und dabei hauptsächlich zwei junge namenlose Protagonisten umkreist, eine Studentin und einen Stadtreiniger, zuerst weniger eindimensional auf als noch in "Eine Nebensache". Aber letztlich dominiert für Küveler bedauerlicherweise wieder das "Prinzip Shiblis, radikale Politik im Gestus der Unschuld zu "verbrämen". Wenn etwa die Selbstmordanschläge auf israelische Linienbusse während der Osloer Jahre nur in einem Satz "gestreift" werden, ist das für den Kritiker "unredlich". Und auch die vielen Tier- und Naturmetaphern, mit denen Shibli arbeite, sind für ihn bloß plattes "Geschwurbel". Sowohl politisch als auch literarisch ein Reinfall, vermittelt er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2026
Als "literarisches Virtuosenstück" würdigt Rezensent Majd El-Safadi den neuen Roman von Adania Shibli, der parallel von der ersten Intifada 1988 bis zu den Jahren nach dem Oslo-Abkommen die Lebensgeschichten eines Mannes und einer Frau erzählt. Die Helden bleiben namenlos, auch die Orte in Palästina werden nicht näher benannt, umso mehr Raum bleibt für Gesten und Gefühle, versichert der Kritiker. Und die bestehen meist aus "Ohnmacht, Enttäuschungen und Entfremdungen", die folgen, etwa wenn die Frau sich an einer israelischen Universität übersehen fühlt oder der Mann sein Schweigen trotz Folter und Haft aufrecht erhält. Vor allem aber sind es die brillanten, dichten Sprachbilder, die Shibli ersinnt, um ihr "Panorama der palästinensischen Identität" zu entwerfen, die den Kritiker beeindrucken, beispielsweise wenn von Jaffa-Apfelsinen erzählt wird, oder der Kufiya, die die Frau am Checkpoint verstecken muss. Dass Shibli statt auf "Larmoyanz und Selbstviktimisierung" auf Scharfsinn, Tiefsinnigkeit und einen präzisen Rhythmus setzt, um vom Schmerz der Palästinenser zu erzählen, rechnet ihr der Rezensent hoch an.