Ad van Liempt

Kopfgeld

Bezahlte Denunziation von Juden in den besetzten Niederlanden
Cover: Kopfgeld
Siedler Verlag, Berlin 2005
ISBN 9783886808014
Gebunden, 334 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Die Niederlande unter deutscher Besatzung: Dabei denken wir zuallererst an die heldenhaften Versuche, Anne Frank und zahllose andere Untergetauchte zu retten. Ad van Liempt ergänzt dieses Bild um einen verstörenden Aspekt: den bezahlten Verrat von Juden. Innerhalb weniger Monate lieferte eine kleine Gruppe von holländischen Verwaltungsangestellten Juden an die deutschen Besatzer aus. Ihr Motiv: ein Kopfgeld, das für jede ergriffene Person bezahlt wurde. Einen 'Übernahmeschein' für eine jüdische Familie, abgeliefert bei den Deutschen in Amsterdam gegen eine 'Prämie' von sieben Gulden fünfzig pro Person - eine solche Quittung hatte Ad van Liempt vor einigen Jahren erstmals gesehen. Als die Entnazifizierungsakten der Justiz freigegeben wurden, forschte er nach. Was er herausfand, wühlte die Nation auf: Im Auftrag der Deutschen - doch auf eigene Faust - hatten 54 holländische Männer der so genannten Kolonne Henneicke Jagd auf Juden gemacht. Als Angehörige der Hausratserfassungsstelle, die für die Inventarisierung jüdischen Besitzes zuständig war, durchkämmten sie Amsterdam und Umgebung nach untergetauchten Juden, um das vereinbarte Kopfgeld zu kassieren. Sie waren effektiv: Nach nur sechs Monaten wurde die Kolonne aufgelöst. Die Suche war erfolgreich beendet. Die Opfer wurden in die Vernichtungslager der Nazis deportiert.
Wer waren diese Leute? Was trieb sie an? Wie gingen sie vor? Gestützt auf umfangreiche Akten, auf Aussagen von Tätern, Opfern und ihren Helfern sowie Gesprächen mit den wenigen Überlebenden, zeichnet Ad van Liempt ein so detailliertes wie beklemmendes Bild eines der dunkelsten Kapitel der Kollaboration mit den Nationalsozialisten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.11.2005

Beeindruckt zeigt sich Rezensent Siggi Weidemann von Ad Van Liempts "faktengesättigtem" Buch über die Judenverfolgung in den Niederlanden, das vor drei Jahren in Holland tiefen Eindruck hinterlassen hat und nun in einer deutschen Übersetzung vorliegt. Wichtig erscheint ihm das Buch vor allem, weil es die Rolle des Landes während der Besatzungszeit entheroisiert - schließlich verlief die Verfolgung und Deportation von Juden in keinem anderen von Deutschen besetzten Land so reibungslos und zügig wie in den Niederlanden. Wie Weidemann berichtet, spielte dabei der alltägliche Verrat aus Geldgier eine Schlüsselrolle. Als "eindrucksvoll" würdigt er das Kapitel über die skrupellose Arbeitsweise der berüchtigten "Kolonne Henneicke", der außer Fangprämien auch ein üppiges Gehalt gezahlt wurde und die bei ihrer Jagd auf Juden ihre Befugnisse immer wieder weit überschritt. Insgesamt werde deutlich, dass die einheimische Polizei bei der Deportation nirgendwo effizienter und enger mit der Besatzungsmacht zusammenarbeitete als in Holland.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.07.2005

Das Selbstbild der Niederländer über ihr Verhalten während der deutschen Besatzung wird ein weiteres Mal erschüttert, meint Elke Schubert in ihrer Rezension über Ad van Liempts "Kopfgeld". In dem Buch geht der Autor einem unangenehmen Thema nach: 100.000 niederländische Juden wurden in deutschen Vernichtungslagern getötet, ein Großteil von ihnen wurde verraten. Besonders hervorgetan hat sich hier die Kolonne Henneicke, ein Verbund erschreckend normaler Männer. Für die Rezensentin Schubert ist der größte Verdienst des niederländischen Journalisten van Liempt, dass er in seinen Geschichten über die bezahlte Denunziation von Juden in den besetzten Niederlanden alle Seiten zeigt: "Die gnadenlosen, von Geldgier getriebenen Verfolger und die von aller Welt verlassenen Juden." Und natürlich auch die Niederländer, die unter Gefahr ihres eigenen Lebens so viele Menschen gerettet haben.
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