Vorgeblättert

Leseprobe zu Heinrich Detering: Thomas Manns amerikanische Religion. Teil 3

01.10.2012.
1890 hatte er die Kunststudentin Winifred Smith geheiratet, die mittlerweile zu einer gefragten Porträtmalerin geworden war.(194) Winifred Smith Rieber war engagierte Unitarierin. Ein 1903 von ihr und dem einstigen Präsidenten der University of California, dem unitarischen Pastor Horatio Stebbins, verfasstes unitarisches Gebetbuch hatte so große Verbreitung gefunden, dass es noch 2009 als Reprint neu veröffentlicht wurde.(195) Da sie es auch war, die Thomas Mann später mit dem unitarischen Pastor Stephen Fritchman bekannt machte (s.u.), lässt sich vermuten, in welchem Sinne an jenem Abend - in einer ja schon für sich genommen charakteristischen Begriffsverbindung - "über Religion, Christentum, Demokratie", über "Religion und Kirche" gesprochen worden ist.
Und man ist da nicht nur auf Vermutungen angewiesen. Denn zu den engsten Freunden der Riebers gehörte der Philosoph John Elof Boodin, der in Harvard bei William James studiert hatte, an der UCLA lehrte und sich mit der Transformierbarkeit des Christentums unter den Bedingungen der modernen Gesellschaften befasste. Sein 1942 entstehendes Buch Religion of Tomorrow , der Vorrede zufolge "a statement of the religion of Jesus of Nazareth", trägt die gedruckte Widmung "To My Lifelong Friends, / Winifred and Charles Henry Rieber".(196) Rieber schenkt es Thomas Mann, der auch sogleich darin liest.(197) Da der Band in seiner Bibliothek erhalten ist, lassen sich auch hier Art und Grad seiner Interessen ziemlich genau verfolgen. Seine Anstreichungen lassen erkennen, dass er nur zwei Teile gründlich gelesen hat: das Schlusskapitel Cosmic Destiny und das sechste Kapitel über eine mögliche Explikation des Wortes "Gott" als einer "Creative Presence"; hier zeigt Thomas Manns Exemplar die Spuren einer lebhaften Lektüre. In einem knappen und pointierten Durchgang durch die Begriffsgeschichte entwickelt Boodin die These, dass in der Gegenwart "the proof for the existence of God must bebased upon human experience and not upon formal definitions " und dass diese Erfahrung vor allem dem "creative mind" offensteht, das Gott nicht als "timeless, self-sufficient being", sondern als Subjekt einer "continuous creation " erkenne.198 Dabei beschreibt er die Transformationen des Gottesbegriffs im Laufe der Religionsgeschichte in einer Weise, die dem "Hervordenken Gottes" in den Joseph- Romanen nahesteht.(199) Von diesem Grundgedanken aus erörtert Boodin nun die traditionellen dogmatischen Bestimmungen der Trinitätslehre und der Einheit Gottes - und verteidigt den "trinitarianism " als Ausdruck eines "sound intuitive need" des menschlichen Verstehensbedürfnisses gegen das, was er etwas abschätzig "an intellectualistic unitarianism" nennt. Schon diese anthropologische Herleitung des Dogmas freilich zeigt, dass er dabei selbst aus einer im modernen Sinne unitarischen Perspektive argumentiert. Nicht auf den dogmatischen Unitarismus der Antitrinitarier kommt es ihm dabei an, sondern auf die "Union" einer Menschheitsgemeinschaft. (200) In deren Sinne re-interpretiert er die Trinitätslehre. Den unendlichen Wert der individuellen Persönlichkeit ("the infinite value and potentiality of personality") sieht er ausgedrückt im Glauben an Jesus Christus, der dieses Ideal wie niemand anders verkündet und verkörpert habe, als den Sohn Gottes; die Gewissheit, dass dieses Potential in jedem Menschen zu verwirklichen sei, artikuliert sich für ihn im Glauben an Gott als den Vater aller Menschen; in der Hoffnung auf eine fortschreitende "brotherhood of man" sieht er den Grund des Glaubens an den Heiligen Geist - "in the spiritual succession of those consecrated to the holy cause of humanity". Auf diese Weise müsse - und das streicht Thomas Mann wieder an - die Intuition des orthodoxen Christentums zugleich respektiert und neu formuliert werden.(201) Und daraus ergibt sich sein Credo: "We must indeed think of God as unity in the sense of meaning a direction of activity ",(202) also - und bei dieser Formulierung gehen Thomas Manns Randanstreichungen in Unterstreichungen im Text über - gegen die Allmachts-Definitionen von "Augustine and Calvin" - "as a pervasive energy stimulating toward the best".(203)
Auch für Boodins wiederum ebenso respektvolle wie deutliche Kritik einer, mit seinem Wort, "juristischen" Deutung des Kreuzes- als eines stellvertretenden Sühnetodes interessiert sich Thomas Mann, und wieder werden dabei seine Anstreichungen zu Unterstreichungen: "It is not consistent with what we know of Jesus that he regarded it as his chief function to be a sacrifice to meet the demands of outraged justice […]. The chief contribution of Jesus, we believe, is that he discovered and made real the presence of God in himself and in others" - also, und auch dies hat Thomas Mann unterstrichen: "We have gotten over the idea of retributive justice in our penology. It is time we were getting over it in religion."(204) Wohin aber soll dieser Weg führen? Boodin antwortet mit einer Paraphrase des Apostels Paulus (im dritten Kapitel des Galaterbriefs), deren Kernsätze Thomas Mann wiederum im Text unterstreicht:

We need a religion which shall express the meaning of the striving for democracy and a broader humanity, - a religion for which there shall be neither Jew nor Gentile, neither Greek nor barbarian, neither male nor female, neither slave nor free, but humanity striving to realize itself in a common bond. […] We need a religion which shall lead the way in the upward striving of the large mass of humanity for greater freedom and opportunity. Failing this we are likely to land in a social anarchy and internal strife worse than any external war between groups.(205)

Im Schlusskapitel konkretisiert Boodin das im Blick auf die gegenwärtige Sozialordnung Amerikas, die gegründet sei auf "two instincts - the passion for power and the passion for property".(206) Thomas Mann streicht das ebenso an wie Boodins entschiedene Kritik an Nietzsches radikalem Individualismus im selben Kapitel:

It is certain that we cannot overcome our present limitations through merely individual striving. Nietzsche's dominating egoist is a glorification of nineteenth century individualism - he is not a prophecy of the future. The real superman, the real greater man of the future, is not an unscrupulous individualist, crushing others to attain his own. […] The greater man we look for […] will strive to be a son of God that he may be more truly a son of man.(207)

Die Konvergenz dieses Gedankens mit Thomas Manns eigener Kritik Nietzsches - und Oswald Spenglers, seines "klugen Affen" - in seiner Rede von 1947 ist offensichtlich. (208)
Über "Religion, Christentum, Demokratie" habe man gesprochen, schreibt Thomas Mann nach dem denkwürdigen Abend bei den Riebers, denen dies alles von ihrem Freund John Boodin gewidmet ist. Seine Lektüre dürfte eine Vorstellung davon geben, in welchem Sinne das geschah.
Und mit gutem Grund vermuten lässt sich nun auch, um wen es sich bei dem ungenannten dritten Paar gehandelt haben dürfte. Zwar hat Peter de Mendelssohn in der Tagebuchausgabe hier nur ein Fragezeichen gesetzt. Die Notiz ist aber an dieser Stelle keineswegs unleserlich. Vielmehr hat Thomas Mann hier für einen längeren Namen eine Lücke gelassen. Das ist auffallend, weil er gewöhnlich Namen, die ihm noch unvertraut sind, nach Gehör festzuhalten pflegt und erst in späteren Notizen stillschweigend korrigiert. (Den Namen seines späteren Freundes Fritchman etwa notiert er nach der ersten Begegnung ohne weiteres als "Fritzmann".) In diesem Fall aber hatte er offenbar den Namen dafür nicht gut genug verstanden. Das spricht dafür, dass es sich um einen ungewöhnlichen Namen handelte - und die Leerstelle zeigt, dass Thomas Mann daran lag, ihn nicht zu vergessen und darum später korrekt nachzutragen. Bedenkt man nun, dass die Taufe Fridos und Angelicas in der Unitarian Church weniger als zwei Monate später stattfand und dass Elisabeth Mann bereits am 2. April brieflich erwähnt, ihre Mutter habe den Pastor als "very nice" geschildert:(209) dann wird im Schnittpunkt dieser Linien ein einziger Name lesbar. Es ist der Name "Caldecott" - ein längerer, im Amerikanischen ungewöhnlicher Name, dessen Träger durch die unitarisch engagierte Winifred Smith Rieber hier bei Thomas Mann eingeführt wird (ebenso wie später sein Nachfolger), der die Sympathie Thomas und Katia Manns gewann und der am 7. April die ersten beiden Enkel Thomas und Katia Manns taufen wird. Dies wäre auch die plausibelste Erklärung für den erstaunlichen Umstand, dass Thomas Mann schon so kurz nach seinem Umzug die Taufe seiner Enkel plante.(210)

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Auszug mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlages
(Copyright S. Fischer Verlag)


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