Vorgeblättert

Leseprobe zu Elizabeth Taylor: Blick auf den Hafen. Teil 3

25.07.2011.
Der Tag kam ihm, wie er sich endlich eingestand, leer vor, weil Mrs Foyle nach London gefahren war. Er dachte daran, was Prudence über sie gesagt hatte. Geschieden. Ihr Mann mit 'einem von diesen weiblichen Offizieren', wie das Mädchen sie nannte, durchgebrannt. Komisch, dass Männer das so oft taten. Frauen in Uniform waren für ihn gar keine Frauen, sie konnten ihn weder rühren noch erregen. Einen hübschen Hut hatte sie aufgehabt, grau mit Federn. Er mochte hellhaarige Frauen in Grau, solange sie sich auf Grau beschränkten und den kleinen anderen Farbtupfern widerstanden, bloß kein Rot hier und da wie bei einer Hure. Sie hatte sich auf Grau beschränkt. Und sich scheiden lassen.
     'Willst du dich von mir scheiden lassen, mein Lieber?' 'Aber das kommt so plötzlich!'
     Er ging die Mole entlang, blieb jedoch bald stehen, lehnte sich an die Mauer und blickte auf den Dreck zwischen den kleinen Booten und auf die Möwen hinab, Schnäbel im Gefieder. Er holte sein Skizzenbuch heraus und legte es auf die Mauer, dann seine Pfeife, um sie zu stopfen. 'Voltaire', dachte er, 'hat spät im Leben angefangen. Mit sechzig ungefähr - wenn ich mich recht entsinne.' Dann stellte er fest, dass die Spitze seines Bleistifts abgebrochen war, und begann, nach seinem Taschenmesser zu suchen, doch ohne Erfolg.
     Lily Wilson stieg die steile Kopfsteinpflasterstraße hinauf, an der Kirche vorbei, dem Fischgeschäft, dem Antiquar, der Wahrsagerin, dem Antiquitätenladen mit seinem Wappengeschirr, den gesprungenen, genieteten, mit Früchten bemalten Tellern und den Muschelblumen unter der Glasglocke. Die neuen Läden waren alle in der Neustadt, jenseits der Landzunge. Hier sammelte sich der Bodensatz eines Lebens, das vergangen war und durch nichts zu neuem Leben erweckt wurde. In den Hafengeschäften gab es Gegenstände, die, reglos und aus ihrem Zusammenhang genommen, Bedeutung als Symbole des verschwundenen Lebens erlangten, indem sie auf etwas Größeres verwiesen, so wie ein Gezeitentümpel ein Mikrokosmos des Meeres ist; die richtig zur Geltung kamen, weil der Blick nicht durch ein Gedränge von Menschen behindert wurde. Ganz still lagen sie da, wirkten beinahe vergrößert, wie Steine unter Wasser.
     Doch Lily Wilson sah die Dinge nicht so, obwohl sie Grund genug hatte, sich der Tatsache, dass das Leben und die Lebendigkeit sich von diesem Ort verabschiedet hatten, bitter bewusst zu sein. Sie sah die an Bindfäden aufgehängten verblichenen Postkarten vor dem Fenster des Tabakladens, die Souvenirs aus Newby, den kahlen Porzellankopf im Fenster der Wahrsagerin, kartiert und mit Zahlen versehen, und das Schild (hinter dem früher ein Licht rhythmisch an-und auszugehen pflegte): Phrenologie, Handlesen, Hellsehen. Hochwissenschaftlich und okkult. Sah es und setzte all den Glanz der Neustadt dagegen, zum Nachteil der alten.
     In der kleinen Schule, im trüben, von schwebenden Kreidestaubkörnern erfüllten Licht, sprachen Kinder im Chor eine Lektion nach, von einer gebieterischen, lieblosen Frauenstimme angeleitet. Auf den Fenstersimsen trieben Hyazinthenzwiebeln flaumige Fäden in Wassergläser und ließen schon kleine Blättchen erkennen: als versuchte die Schule, Schönheit zu sich hereinzuholen und sie zugleich eine Lektion erteilen zu lassen, eine Idee, die Lily einleuchtete, denn für sie bedeutete Lernen so viel wie 'etwas zu sich hereinholen', und Lehren, dass man Kinderköpfen auf möglichst wenig schmerzhafte Weise eine Substanz einflößte, die später vielleicht zum Geldverdienen taugen würde.
     "Karl der Erste, sechzehnhundertfünfundzwanzig", skandierten die Kinder, als Lily die Tür zur Bücherei öffnete. "Commonwealth, sechzehnhundertneunundvierzig", und dann - abschließend und triumphal - "Karl der Zweite, sechzehnhundertsechzig", als wären sie alle militant an der Rückkehr der Monarchie interessiert. Ein Zögern folgte, bevor sie in eine Molltonart wechselten, immerhin war er für lange Zeit der letzte richtige König gewesen; sie hielten kurz inne, ein stummer Salut an Wollust, Temperament und Überspanntheit, Eigenschaften, die die Engländer auf dem Papier oder über zeitliche Distanz hinweg verehren. Als Lily die Tür hinter sich schloss, konnte sie hören, wie die Kinder, die ihre Lungen inzwischen wieder gefüllt hatten, sich wacklig an den Abstieg machten, in die Wirrungen des Hauses Hanover hinein.
     Die Bücherei gehörte zur Schule. Hinter einem Tresen saß ein alter Mann, der über ein Stempelkissen und einen großen ovalen Stempel verfügte, mit dem er einen leidenschaftlichen, launenhaften Feldzug gegen laxe Sitten führte. Seine Zensur war sehr persönlich. Manche Bücher konnte er nicht lesen, sie blieben in ihrem Originaleinband und ohne das notwendige Stigma 'Nur für Erwachsene' im Regal. Roderick Random wurde auf diese Weise missachtet, und auch Tristram Shandy, seiner vagen Annahme nach Kinderbücher. Jane Eyre, immer wieder neu gebunden, voller loser Blätter, schwarz vor Fett und nach Fisch riechend, war vorne und hinten gestempelt. Madame Bovary war auseinandergefallen.
     Der Bibliothekar, der den Lesern diesen nützlichen Dienst erwies, hatte bestimmte feste Kriterien im Kopf, wenn er, eine Hand stets am Stempel, die Seiten überflog. Mord war erlaubt, Unzucht nicht. Geburten ja (vor allem, wenn die Figur daran starb), aber keine Schwangerschaft. Liebe durfte in Ausnahmefällen vollzogen werden, solange niemand dabei Vergnügen empfand. Es gab einzelne Wörter, die unverzüglich nach dem Stempel verlangten. "O Gott!", mochten die Figuren in ihrer Not wohl einmal ausrufen, aber nicht "Herr Jesus!" "Brust" durfte niemals im Plural erscheinen. "Vergewaltigung" ließ den Stempel augenblicklich in die tiefrote Tinte hinabsausen und sich dort hin und her drehen.
     Lily blätterte in einem Buch nach dem anderen, wenn auch lustlos, denn das Aussuchen eines Buches rief ihr den ruhigen Abend ins Bewusstsein, an dem sie es lesen würde. Die Bücher selbst mit ihren dicken, fettigen Pappen stießen sie ab, aber sie boten ihr die Möglichkeit, in das Land der Lebenden zu entfliehen. "Audley Court", las sie, "lag tief unten in einem Talkessel, der reich an feinem alten Baumbestand und fruchtbaren Wiesen war." Im Bann dieser Wörter sank sie tief, wie unter einer Narkose, und entfernte sich von der nichtssagenden, notdürftigen Wirklichkeit; sie sank bereitwillig und genussvoll, ließ sie doch die Widrigkeiten der Hafenstraßen, den Fischgeruch, die staubigen Läden mit ihren ausrangierten Kleidern und Möbeln nur allzu gern hinter sich.
     Sie nahm das Buch mit zu dem alten Mann am Tresen und stand schweigend dabei, während er allen möglichen bürokratischen Aufwand damit trieb.
     "Das ist eine schöne und starke Geschichte", sagte er. "Man braucht weiblichen Romanciers gegenüber gar nicht voreingenommen zu sein. In der Literatur bläst der Wind, wo er will."
     Er gab und gab ihr das Buch nicht heraus und sie war gezwungen, ihm zuzuhören, schaute jedoch unkonzentriert an ihm vorbei auf die Schmutzflecken weiter oben an der blättrigen Tapete, wo sich jahrelang Leute angelehnt hatten, die, verwirrt und irregeleitet, nach pornographischen Stellen in Jane Eyre suchten.
     "Robert Elsmere zum Beispiel. Das ist ein ernsthaftes Buch. Wer könnte das bestreiten? Nein!", sagte er, als hätte sie ihm widersprochen. "Damen - und Sie registrieren, dass ich 'Damen' sage - können durchaus ihren eigenen Beitrag leisten. Einen schönen Familienroman. Warum die Männer nachäffen?" Er legte ihr (endlich) das Buch in die Hände, als wäre es ein Preis, den sie gewonnen hatte. "Mit Under Two Flags wiederum", fügte er hinzu, als sie sich zum Gehen wandte, "verhält es sich anders. Das hat einen gänzlich anderen Charakter."
     Lily wusste nicht recht, warum, aber sie hörte aus seiner puritanischen Redeweise immer etwas Anzügliches heraus und fand diese altväterliche Lüsternheit ebenso langweilig wie abstoßend, schlimmer noch als Mrs Braceys Rabelais?sche Geschichten. Voll Abscheu, weil das Buch von seinen Händen noch warm war, nahm sie es mit nach draußen und stieg bis zum höchsten Punkt des Hügels hinauf, um Luft zu schnappen.
     Hier, wo die Häuser endeten, war rutschiger Grasboden, rundherum und unter ihr der plötzlich weite Himmel und linker Hand, zum Meer hin, das lange, geschwungene Glitzern der Neustadt mit ihren weißen Hotels, den klippengleichen Reihen von Pensionen, der breiten Esplanade, dem Park und der Pier; alles durchdacht und adrett und für das Vergnügen gebaut.
     Und dann, am steilen Hang zu ihrer Rechten, die dicht aneinandergedrängten Hafengebäude, Kinder, die durch die engen Gassen von der Schule nach Hause liefen und auf den Treppen spielten, das Meer, ruhig, von den Armen der steinernen Mole umschlossen, mit kleinen Booten gesprenkelt, und weit draußen am Horizont, von kreisenden Vögeln begleitet, die zurückkehrende Flotte, die den Himmel mit Rauch beschmutzte.
     Sie schloss die Augen, drückte die Finger gegen die Lider, um Tränen zurückzudrängen, und wandte sich vom Anblick dieses Ortes ab, den nur die Liebe erträglich gemacht hatte. Als die Tränen versiegt waren, öffnete sie die Augen wieder und betrachtete vorsichtig die langen Sandstreifen zu beiden Seiten der Pier und die Wellen, die weit unter ihr geräuschlos überschäumten.

Beth war den ganzen Morgen über glücklich gewesen. Unter den Nägeln ihrer rechten Hand war Tinte. Sie saß mit dem Rücken zum Fenster, und so, indem sie die Wörter aus ihrer eigenen Dunkelheit hervorströmen ließ, hatte sie ihre Figuren auf einen schönen Landspaziergang geschickt und wohlbehalten wieder zurückgebracht, sie bei den Mahlzeiten zusammengeführt und reden (aber nicht essen) lassen und hoffte nun, mit brennenden Augen, noch vor dem Mittagessen mit einem toten Kind aufzuwarten, dem einzigen Kind seiner Eltern. "O Gott, so rette sie doch!", rief die Mutter, die Hände ringend, und Beth hätte die ihren gerungen, wenn sie weniger beschäftigt gewesen wären. Stattdessen weinte sie, hielt jedoch unerbittlich an ihrer Absicht fest. Sie hatte noch nie ein Kind sterben sehen, aber Robert brauchte sie deswegen trotzdem nicht um Rat zu fragen. So mochte Gott empfunden haben, als Er zusehen musste, wie Seine Kinder litten, die Er hätte retten können, aber nicht wollen. Beth war allerdings Atheistin.
     "Was ist denn?", fragte sie plötzlich scharf.
     Ihr eigenes Kind stand im Türrahmen.
     "Ich bin aus der Schule zurück", sagte Stevie schlicht.
     Das sterbende Kind im Kopf, konnte Beth sich nicht dazu bringen, dieses lebende willkommen zu heißen.
     "Dann lauf und wasch dir die Hände", sagte sie.

                                                   *

Mit freundlicher Genehmigung des Dörlemann Verlages
(Copyright Dörlemann Verlag)


Informationen zum Buch und zur Autorin hier