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Revue Prostor

1 Presseschau-Absatz

Magazinrundschau vom 22.10.2024 - Revue Prostor

Im Kulturmagazin Prostor schreibt die tschechische Lyrikerin und Dozentin Anna Štičková darüber, was es nach dem 7. Oktober vergangenen Jahres bedeutet, gleichzeitig jüdisch und queer zu sein. Verschiedenen Minderheitengruppen anzugehören, sei nie unkompliziert, doch das vergangene Jahr sei anders gewesen als alles, was sie zuvor gekannt habe. "Ich fühle mich wie im Exil, einer völlig neuen Situation, und ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. (…) Einige meiner Freundschafts- und Unterstützungsnetze sind im letzten Jahr auseinandergefallen. Hinzu kommt, dass viele feministische und queere Kollektive und Orte, die mir ein selbstverständliches, nahes Umfeld waren, auf einmal nicht mehr freundlich sind. Aus einer Minderheit ausgeschlossen zu werden, weil man einer anderen Minderheit angehört, ist für mich eine bizarre neue Erfahrung." Ihre ganze Identität sei dadurch in Frage gestellt. "Noch vor einem Jahr habe ich mich ohne zu zögern als radikale linke Feministin bezeichnet. Ich ging davon aus, der Antisemitismus als Bestandteil linken Denkens sei längst Vergangenheit (…). Wie sehr habe ich mich doch getäuscht." In den ersten Tagen nach dem 7. Oktober war Štičková besonders betroffen "von dem ohrenbetäubenden Schweigen der feministischen Kollektive in Tschechien und im Ausland, die die sexuelle Gewalt gegen israelische Mädchen und Frauen nicht verurteilten." Sie habe alle möglichen Plattformen von Organisationen durchsucht, die sich gegen sexuelle Gewalt engagieren, doch "selbst auf den Seiten meiner nicht-jüdischen feministischen Freundinnen war nichts zu finden, was auf Solidarität schließen ließ."