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1 Presseschau-Absatz

Magazinrundschau vom 17.03.2026 - NZZ

Jacques und Jessica Moretti, Besitzer Clubs "Lolla Palooza" in Crans-Montana, wo zu Silvester 41 Menschen ums Leben gekommen sind und Dutzende schwere Verbrennungen erlitten, sind die perfekten Schuldigen, schreibt Katharina Bracher in einer langen Reportage für die NZZ. Ihre Lage wird nicht verbessert dadurch, dass die Notausgänge im Club abgesperrt waren. Die Morettis kommen aus dem Rotlichtmilieu, haben Vorstrafen. Der Prozess wird dennoch nicht zu einem Urteil führen, das dem Leid der Opfer und ihrer Angehörigen zu entsprechen scheint, schreibt Bracher, die mit der Strafrechtsprofessorin Marianne Heer gesprochen hat. Verurteilt wird höchstwahrscheinlich wegen Fahrlässigkeitsvergehen: "Heer vermutet, dass das Gerichtsurteil, wenn es einmal gefällt wird, einen Empörungssturm auslösen wird. Denn die Strafe wird wahrscheinlich als zu mild erscheinen. In der Schweiz kann jemand, der durch Unachtsamkeit einen Menschen tötet oder verletzt, höchstens drei Jahre ins Gefängnis kommen." Das wird für viele Angehörige schwer erträglich sein, auch Strafrechtsexperte Felix Bommer vermutet, dass das Urteil im Fall Crans-Montana auf das Unverständnis der Öffentlichkeit stoßen wird. 'Viele Menschen setzen intuitiv die Schwere der Folgen mit dem Verschulden gleich', sagt Bommer. Dabei könne eine Fahrlässigkeit auch mit relativ geringem Verschulden gravierende Folgen haben: Eine brennen gelassene Kerze in der Wohnung, die das Leben von mehreren Nachbarn fordert, eine Kollision nach dem Überfahren eines Rotlichts mit einem vollbesetzten Schulbus. Ausserdem spielt für die Bestrafung bei Fahrlässigkeitsdelikten die Zahl der Opfer keine Rolle ... 'Weit verbreitet, aber falsch ist die Vorstellung, das Strafverfahren finde primär für die Opfer statt', sagt Felix Bommer. Zwar lasse die Schweiz eine weitgehende Beteiligung der Geschädigten zu. Aber das Verfahren ist nicht darauf angelegt, psychische Heilung oder 'Sühne' zu leisten. Dafür gebe es die Opferhilfe oder therapeutische Angebote. Diese Meinung teilt dezidiert auch Marianne Heer."
Stichwörter: Crans-Montana, Strafrecht