Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Essay

Von Vergütern und Vergüteten

Von Ilja Braun
05.10.2009. Aktualisiert: die Entscheidung des BGH ist gefallen. Überall streiten sich die Urheber mit den Verwerterindustrien - bei den Übersetzern wird dieser Streit nun morgen vor dem Bundesgerichtshof entschieden.
Aktualisierung vom 7. Oktober, 10 Uhr.

Soeben ging die Pressemeldung des BGH an die Öffentlichkeit.

Die Erfolgsbeteiligung für Übersetzer soll doch nicht mit ihrem Seitenhonorar verrechnet werden, sondern ist zusätzlich zu zahlen - allerdings bereits ab einer Schwelle von 5.000 verkauften Exemplaren. Sie beträgt 0,8 Prozent vom Nettoladenpreis bei Hardcover-Ausgaben und 0,4 Prozent bei Taschenbüchern. An Lizenzerlösen und Nebenrechtsverwertungen sollen Übersetzer in Höhe von 50 Prozent des Nettoverlagserlöses beteiligt werden. Die Sätze bleiben hinter den Erwartungen der Übersetzer zurück, liegen jedoch oberhalb der derzeit branchenüblichen Beteiligungssätze.

"In grundsätzlicher Hinsicht können die Übersetzer zufrieden sein: Der BGH hat ihnen bestätigt, dass sie einen Anspruch auf eine Beteiligung am verkauften Exemplar haben, die zusätzlich zum Seitenhonorar zu zahlen ist und auch nicht mit diesem verrechnet wird", kommentiert Ilja Braun auf iRights.info.

= = = = = = = = = == = = =

Eigentlich sollte es der große Showdown werden: das Fairness-Hearing am 7. Oktober, bei dem ein New Yorker Gericht über die Zukunft des umstrittenen Google Book Settlement hätte entscheiden sollen. Jetzt findet zwar eine Anhörung statt, aber die Parteien sind vorerst auf unbestimmte Zeit an den Verhandlungstisch zurückgekehrt.

Nach wie vor ein wichtiger Termin ist der 7. Oktober indes für die deutschen Literaturübersetzer. Der Bundesgerichtshof wird dann sein Urteil im Streit um eine "angemessene Vergütung" für literarische Übersetzungen verkünden. Und ähnlich wie bei Google ist auch bei den Übersetzern danach alles offen. Über das Einzelfallurteil hinaus soll sich nämlich der Übersetzerverband mit den Verlegern auf eine "gemeinsame Vergütungsregel" einigen, so der Wille des Gesetzgebers.

Übersetzer sind Freiberufler. Sie haben keinen Tarifvertrag, den sie kündigen könnten, sondern müssen ihre Verträge individuell aushandeln. Sie stehen dabei häufig großen Konzernen gegenüber, die die wirtschaftlichen Zielvorgaben ihrer Mutterkonzerne erfüllen müssen. So auch die Verlagsgruppe Random House, mit der sich die Literaturübersetzer derzeit vor Gericht streiten. Zu Random House gehören nicht nur Unterhaltungsliteraturverlage wie Goldmann oder Heyne, sondern auch literarische Flagschiffe wie Luchterhand oder Manesse, die längst keine Independents mehr sind. Die Verlagsgruppe ist unter dem Dach des weltweit operierenden Medienkonzerns Bertelsmann angesiedelt.

Gegenüber großen Konzernen als einzelner Freiberufler Honorare durchzusetzen, von denen man so leben könnte wie ähnlich qualifizierte Festangestellte von ihrem Gehalt, fällt nicht nur Literaturübersetzern schwer. Random House ist durchaus nicht knauseriger als andere. Aber der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß. In Zeiten der Globalisierung gilt das zunehmend auch für die sogenannte Kultur- und Kreativwirtschaft. Vertragsfreiheit ist dann die Freiheit des Stärkeren, seine Bedingungen einseitig zu diktieren.

Sieben Jahre ist es her, dass die damals rot-grüne Bundesregierung dieses Problem erkannt und beschlossen hat, den Kreativen mit einem Gesetz den Rücken zu stärken. Der 2002 ins Urheberrecht eingefügte Paragraph 32 sollte ihnen eine "angemessene Vergütung" ihrer Arbeit sichern.

Dieses Gesetz hat seine Wirkung gänzlich verfehlt. In keiner der betroffenen Branchen ist es seither zur Aufstellung der vom Gesetzgeber geforderten "gemeinsamen Vergütungsregeln" gekommen - außer bei den literarischen Schriftstellern, die in ihrer Abmachung den status quo festschrieben haben. Im Filmbereich wurden die gemeinsamen Verhandlungen 2006 ausgesetzt, seither schieben Sender und Produktionsfirmen sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Die freien Journalisten sind mittlerweile dazu übergegangen, den Zeitungen einzelne Passagen ihrer Allgemeinen Geschäftsbedingungen per Einstweiliger Verfügung verbieten zu lassen, nachdem bei den eigentlichen Verhandlungen wenig bis nichts herausgekommen ist.

Auch die Literaturübersetzer haben ein paar Jahre verhandelt, bevor sie beim Bundesgerichtshof landeten. Als sie 2004 den Börsenverein des Deutschen Buchhandels auf ein Schlichtungsverfahren festnageln wollten, erklärte dieser kurzerhand, er sei dafür nicht legitimiert. Eine Mediation unter Federführung des Bundesjustizministeriums scheiterte 2007. Als Random House ein Jahr später mit einem Angebot in letzter Minute dem BGH zuvorkommen wollte, fühlten die Übersetzer sich betrogen und tauschten kurzerhand den Vorstand ihres Verbands aus. Die Gewerkschaft ver.di, die in der Branche gern eine Art Mindestlohn durchgesetzt hätte, war davon auch nicht gerade begeistert.

Ob die Literaturübersetzer sich ins eigene Fleisch schnitten, als sie lieber auf ein letztinstanzliches Urteil warten wollten, statt einen aus ihrer Sicht unzureichenden Verhandlungskompromiss zu akzeptieren, wird sich zeigen. Es sind fünf Einzelfälle, zu denen das Gericht am 7. Oktober sein Urteil verkündet, und es geht dabei vor allem um die Erfolgsbeteiligung am verkauften Exemplar. 3% vom Nettoladenpreis eines jeden verkauften Buches hatten die Übersetzer ursprünglich als "angemessene Vergütung" verlangt - zusätzlich zum Seitenhonorar, das bei den verhandelten Fällen zwischen 13 und 17 Euro lag. Richter Joachim Bornkamm hat bei der Verhandlung im Juni zwar bereits durchblicken lassen, dass er diesem Ansinnen wohl nicht entsprechen wird - ihm schwebt anscheinend eher eine mit dem "Grundhonorar" verrechenbare Beteiligung vor. Allerdings wird sie durchaus höher liegen als die 0,5 Prozent, die Verlage derzeit oft anbieten. Sie wird ab dem ersten verkauften Exemplar zu zahlen sein, nicht erst ab Schwellen von 30.000 oder gar 150.000 Stück. Und sie wird nicht degressiv verlaufen, also nicht im oberen Bereich auf 0,125 Prozent abgesenkt werden, wie von den Verlagen im Laufe der Verhandlungen vorgeschlagen.

Hinterher werden trotzdem alle unzufrieden sein. Die Übersetzer, weil eine Erfolgsbeteiligung, die mit dem Grundhonorar verrechnet wird, im Grunde nur bei Bestsellern etwas bringt, und die sind selten. Die Verleger, weil gerade bei den teuer eingekauften Bestsellern ihre Kalkulationen nicht mehr aufgehen werden.

Ein Ende des Streits ist nicht absehbar. Kein Wunder, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels das Urhebervertragsrecht am liebsten wieder loswerden würde. Mit diesem Ansinnen spricht er nicht nur den Verlagen aus der Seele, sondern den Verwertern der Kreativbranche insgesamt. Ob Brigitte Zypries' Nachfolgerin im Justizministerium diesem Druck standhalten wird?


Ilja Braun

Ilja Braun ist Übersetzer und Journalist. Zuletzt erschien bei iRights.info seine Chronik der Urheberrechtsreformen seit 2000.

Mailen | Drucken | Merkzettel | Empfehlen auf Facebook | Twittern|Share on Google+

Archiv: Essay

Daniele Giglioli: Die Willkür unseres Wohlwollens

27.01.2016. Ist es statthaft, Flüchtlinge nicht als Opfer zu sehen, ihnen nicht mit Mitgefühl zu begegnen? Absolut, meint der italienische Literaturwissenschaftler Daniele Giglioli. Denn die Adressierung als Opfer, so gut sie auch gemeint sein mag, verhindert die Auseinandersetzung auf Augenhöhe, gerade auch über unterschiedliche Kultur- und Gesellschaftsvorstellungen. Mehr lesen

Eva Quistorp: In zig Alltagssituationen

18.01.2016. Die einen missbrauchen das Ereignis. Die anderen polemisieren gegen diesen Missbrauch. Keiner kümmert sich um die, um die es wirklich geht: die Frauen zuerst. Und dann die ungeheure Integrationsarbeit. Mehr lesen

Diedrich Diederichsen, Simon Rothöhler: Der Stoff für alle

18.12.2015. Ist der Höhepunkt moderner Serienerzählung bereits überschritten? Oder treten wir in die Lelouch-Phase der Serie ein? Sind Serien immer noch der einzige Stoff, über den sich alle unterhalten können? Und was ist mit ihrem Anspruch auf Gegenwartsdeutung? Ein Gespräch über Serien. Mehr lesen

Gustav Seibt: Zur Klärung der Begriffe

25.11.2015. Wer die Menschenrechte ganz aufklärerisch für universal hält, braucht sich bei Kulturtypologien und Wertlehren oder Religionskritik nicht lange aufzuhalten. Es geht darum, diese universellen Rechte vernünftig zu vermitteln. Eine Antwort auf Thierry Chervel. Mehr lesen

Thierry Chervel: Dieser fragile Rahmen

24.11.2015. Macht es einen Unterschied, ob Demokratien wegen ihrer "Werte" oder ihrer "Prinzipien" gehasst werden? Letztlich können moderne Gesellschaften auf den Begriff der Werte nicht verzichten, weil auch ihre Rechtsgrundsätze sich aus Werten ableiten. Eine Antwort auf Gustav Seibt. Mehr lesen

Katharina Hacker: Was man für richtig hält

21.11.2015. Warum Beschreibung jetzt wichtig ist, ebenso wichtig wie der Versuch, gemeinsam nachzudenken, statt sattsam bekannte Polemiken zu pflegen. Antwort auf Oliver M. Piecha. Mehr lesen

Oliver M. Piecha: Die Konturen der Attentäter

20.11.2015. Katharina Hacker singt eine sehr alte Weise: das Lied vom Terroristen als eigentlichem Opfer. Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Mit den Büchern sterben die Filme

19.11.2015. Ausgerechnet einen "Sterbefilm" als Rahmen filmischer Selbst-Reflexion zu benutzen, müsste sich schon der exklusiven Ernsthaftigkeit des Themas wegen von selbst verbieten - Nanni Moretti aber gewinnt damit ein experimentelles Verhältnis zu Sterben und Tod. Über "Mia Madre". Mehr lesen

Katharina Hacker: Das Zaudernde der Sprache

19.11.2015. Wir sollten daran festhalten, die vielfältigen, oft zumindest funktionierenden Formen des Zusammenlebens offenen Auges zu beschreiben, denn diese Beschreibung ist vielleicht, was den gemeinsamen Grund schafft, gegen die Schnelligkeiten des Tötens aufzustehen. Eine Antwort auf Necla Kelek. Mehr lesen

Thierry Chervel: Das Gegenteil des Bilderrauschs

13.11.2015. Fotobücher feiern eine ungeheure Konjunktur. Sie sind nicht fürs Gucken, was Vinyl fürs Hören ist, kein Retroformat, sondern geradezu eine Folge der Digitalisierung. Und gleichzeitig ein Gegenraum zum Netz. Notizen eines gefährdeten Betrachters. Mehr lesen

Arno Widmann: Der ganze Stoff der Wirklichkeit

12.11.2015. Erst wenn man anfängt, Gabriele Goettles Reportagen als Ganzes zu sehen, zeigt sich die Dimension des Unternehmens, an dem sie jetzt seit fast dreißig Jahren arbeitet. Ich weiß nicht, seit wann Gabriele Goettle bewusst ist, dass sie an einer einzigen riesigen vielstimmigen Komposition sitzt. Eine Laudatio. Mehr lesen

Pascal Bruckner: Cultiver notre jardin

10.11.2015. Am Ende zieht André Glucksmann aus Voltaires "Candide" eine ganz bescheidene Folgerung: Wir müssen unseren Garten bebauen und ihn verteidigen: Europa, die einzige auf Transzendenz verzichtende Zivilisation. Mehr lesen

Daniele Dell'Agli: Die große Faszination

12.10.2015. Religiöses Bilderverbot und die globalisierte Bilderproduktion finden ihren Brennpunkt im Schrecken der terroristischen Snuff-Videos. Das hat mit dem Islam zu tun. Andere Überlegungen zu Religion und Ästhetik. Mehr lesen

Karl Landherr: Alles mit Maß

30.09.2015. Für manche Flüchtlinge ist es wichtig, im Supermarkt die richtige Babynahrung zu finden oder zu erfahren, dass Baden im Baggersee gefährlich sein kann. Deswegen geben wir in unserem ehrenamtlich konzipierten Deutschkurs für Asylbewerber eine erste Orientierung in einer neuen Kultur- und Sprachwelt, kein Seminar über Weltreligionen. Eine Antwort auf Eva Quistorp. Mehr lesen

Eva Quistorp: Der Graben gegenseitiger Unkenntnis

22.09.2015. Im Deutschkurs lernen Asylbewerber, wie sie im Supermarkt einkaufen, was eine Duldung ist und wie ein Putzmann arbeitet. Sie lernen nichts über Demokratie und Pluralität, über lebendige Beziehungen und Kompromisse. Guter Unterricht funktioniert aber nur als demokratischer Unterricht. Gedanken einer Deutschlehrerin im Flüchtlingshaus. Mehr lesen