Sie hatten ihre Karriere im Dienste des NS-Staates begonnen - und setzten sie bruchlos in der der neuen Bundesrepublik fort. So bereitwillig sie der braunen Ideologie gedient hatten, so engagiert traten sie nun für die Demokratie ein. Kriegsgerichtsräte fällten wieder ihre Urteile, einst regimetreue Professoren lehrten und die Journalisten aus den früheren Propagandakompanien schrieben, als hätten sie sich nichts vorzuwerfen. Damit gewann der junge Staat zwar politische Handlungsfreiheit zurück, gründete seinen Erfolg aber auf einen moralischen Widerspruch, der nicht aufzulösen war: Die Demokratie wurde mitaufgebaut von ihren Feinden.
Zum 70. Geburtstag der Bundesrepublik legt Willi Winkler eine schonungslose Betrachtung ihrer Frühgeschichte vor. Mitreißend und faktengesättigt beschreibt er, wie der westdeutsche Staat trotz all seiner Zerrissenheiten zum Erfolgsmodell wurde - und er zeigt, welchen Anteil vermeintlich oder tatsächlich geläuterte Nazis daran hatten.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 21.01.2019
Nützlich findet Helmut Böttiger Willi Winkler Funde und Zusammenstellungen zum Fortwirken nationalsozialistischer Ideologen im Nachkriegsdeutschland. Von der Organisation Gehlen über Andenauers Staatssekretär Hans Globke bis zum Literaturfunktionär Hans Egon Holthusen stellt Winkler pointiert anhand von Zitaten und Quellen Machtstrukturen vor, die den Opportunismus und den Opfer-Mythos pflegten. Leider betont der Autor die Alternativlosigkeit dieser Geschichte allzu sehr, findet Böttiger, und vergisst die Anstrengungen, die zu einer Änderung der öffentlichen Meinung führten. Der triumphale Unterton des Textes stößt Böttiger gleichfalls ungut auf.
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