Walter Boehlich arbeitete als einer der strengsten Literaturkritiker seiner Generation u .a. für Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung, Deutsche Volkszeitung und Konkret, kannte den Kulturbetrieb wie nur wenige andere und war über zehn Jahre als Cheflektor beim Suhrkamp Verlag tätig. Von November 1979 bis Januar 2001 schrieb er monatlich eine politische Kolumne für das Satiremagazin Titanic und damit auch eine Geschichte der alten und der neuen Bundesrepublik. Nun erscheint eine Auswahl seiner Titanic-Kolumnen erstmals als Buch.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.01.2020
Rezensent Philipp Theisohn liest Walter Boehlichs Titanic-Kolumnen mit großem Genuss. "Strenge des Arguments", "Insistieren auf dem politischen Skandalon", Standpunktwechsel, was das bedeutet, wird Theisohn beim Lesen der Texte über die Massenverhaftung von Nürnberg 1981, über die Jenninger-Rede 1988, über Rainer Barzel, Petra Kelly oder Walsers Paulskirchenrede bewusst. Wie Boehlich das Elend der deutschen Sozialdemokratie analysiert, scheint ihm aktuell und wiederlesenswert. Verzicht auf vorschnelle Be- oder Verurteilung war Boehlichs Sache nicht, stellt Theisohn erfreut fest.
Thomas Schaefer bedauert, dass einer wie Walter Boehlich nicht mehr das Florett zur scharfen gesellschaftspolitischen Analyse schwingt. Boehlichs Titanic-Kolumnen von 1979 bis 2001 in Auswahl lassen ihn staunen über Kenntnisreichtum, Stil und Sprache des Autor. Klar, beherrscht, ironisch und elegant findet er, wie Boehlich über Justiz, Wirtschaft, Politik, über Antisemitismus, Naturzerstörung, Neoliberalismus und die Krise der SPD schreibt. Auch wenn die Namen in den Texten nicht in jedem Fall mehr geläufig sind, die Themen sind es allemal, meint Schaefer ehrlich erschrocken über so viel ausdauernde Aktualität.
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