Klappentext

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Eine Mutter, ein Vater, ein Junge und ein Mädchen packen in New York ihre Sachen ins Auto und machen sich auf in die Gegend, die einst die Heimat der Apachen war. Sie fahren durch Wüsten und Berge, machen Halt an einem Diner, wenn sie Hunger haben, und übernachten, wenn es dunkel wird, in einem Motel. Das kleine Mädchen erzählt Witze und bringt alle zum Lachen, der Junge korrigiert jeden, der etwas Falsches sagt. Vater und Mutter sprechen kaum miteinander. Zur gleichen Zeit machen sich Tausende von Kindern aus Zentralamerika und Mexiko nach Norden auf, zu ihren Eltern, die schon in den USA leben.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.11.2019

Rezensentin Birthe Mühlhoff hat Valeria Luiselli in New York getroffen, um mit ihr über ihren Roman "Das Archiv der verlorenen Kinder" zu sprechen. Darin erzählt sie von einer Journalistin, die mit ihrer Patchwork-Familie in die Südstaaten in Urlaub fährt, während ihre Gedanken oft um ihre Arbeit an einem Radio-Feature über Kinder kreisen, die von Mexiko in die USA flüchten, erklärt die Kritikerin. Dass die Kinder der Erzählerin irgendwann weglaufen, woraufhin der zehnjährige Sohn zum Erzähler wird, hält Mühlhoff für einen genialen Kunstgriff: Ihr zufolge erlaubt er der Autorin, die Flüchtlingsproblematik aus einer kindlichen Perspektive wiederzugeben, was ihr der Rezensentin zufolge grandios gelingt und dem Roman eine ungewöhnliche, hochphilosophische Dimension verleiht.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.11.2019

Rezensentin Angela Schader ist sehr angetan von Valeria Luisellis Roman. Er erzählt von einer Patchwork-Familie, die sich aus beruflichen Gründen auf eine Reise Richtung Mittelamerika begibt, und gleichzeitig vom Schicksal geflüchteter Kinder, die von dort aus in den Norden unterwegs sind. Der Rezensentin gefällt vor allem, wie gelungen die Autorin dabei die kindliche Klugheit einfange, und verweist in diesem Zusammenhang auf die persönliche Erfahrung Luisellis, die schon als Übersetzerin für geflüchtete Kinder vor Gericht gearbeitet habe. Inhaltlich überzeugt der Roman die Rezensentin mit seiner Kombination aus "bitterer Kritik" an der amerikanischen Flüchtlingspolitik und einer komplexen Auseinandersetzung mit familiären Dynamiken, und auch in formaler Hinsicht erfreut sich Schader an Luisellis "innovativem" schriftstellerischem Ansatz, der zahlreiche literarische und musikalische Referenzen, montierte Polaroidfotos und einen 20 Seiten langen Satz umfasse. Ein tolles Buch, "vielschichtig und bewegend", findet die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 11.10.2019

Rezensent Gregor Dotzauer ist Valeria Luisellis Roman gegenüber überwiegend positiv gestimmt. Die Road Novel erzählt von einer Patchworkfamilie, die sich aus beruflichen Gründen von New York aus auf den Weg in die ehemalige Heimat der Apachen macht und auf ihrer Reise Kindern auf der Flucht von Zentral- nach Nordamerika begegnet. Dabei handelt es sich dem Rezensenten nach um einen komplexen und stilistisch ehrgeizigen Roman: So schaffe die Autorin ein "gattungsüberschreitendes Konglomerat" aus autofiktionalen Elementen, intertextuellen Bezügen und der Montage von Landkarten oder Zeitungsausschnitten, das zudem auf halber Strecke einen radikalen Perspektivwechsel vollziehe. Auch die deutsche Übersetzung von Brigitte Jakobeit hält Dotzauer für gelungen. Zwar könne Luiselli in sprachlicher Hinsicht trotzdem nicht mit literarischen Referenzgrößen wie Joseph Conrad oder Ezra Pound mithalten, meint Dotzauer. Aber er lobt die Verbindung von Experimentierfreude und Unterhaltungswillen dieses politischen, nicht aber propagandistischen Romans, die er in der Gegenwartsliteratur für selten hält.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.10.2019

Rezensentin Judith Heitkamp scheint erschlagen von Valerie Luisellis Roman - allerdings im positiven Sinne. Luiselli erzählt ihr von einer nordamerikanischen Patchworkfamilie, die auf ihrem Roadtrip Richtung Süden flüchtenden Kindern begegnen, die in die entgegengesetzte Richtung unterwegs sind. Dabei handelt es sich zunächst, so die Rezensentin, um eine "intellektuell versierte" und formal hoch experimentelle, aber relativ geordnete Darstellung eines Middleclass-Roadtrips voller literarischer Referenzen, autobiografischer Bezüge und montierter Dokumente und Statistiken. Doch aus dieser "Geborgenheit der Querverweise" werde man (nach einem überraschenden Perspektivwechsel) herausgerissen, wenn die Kinder der Patchworkfamilie weglaufen und so die beiden Wirklichkeiten, die der Roman zusammenführt, ineinandergreifen, meint Heitkamp. Auf diese Weise ihre eigene Version von verlorenen Kindern zu erzählen, "anstrengend und umwerfend", gelingt der Autorin "verstörend" gut, schließt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.09.2019

Rezensentin Eva-Christina Meier versteht, warum "Archiv der verlorenen Kinder" für den Booker Prize nominiert wurde: Die Geschichte über den Roadtrip einer Patchwork-Familie - mexikanische Radiojournalistin, ihr amerikanischer Mann und die beiden Kinder - in den Süden der USA hat sie tief berührt. Die Reporterin will in Texas über geflüchtete Kinder aus Mittelamerika recherchieren, nacheinander schildern sie und ihr Sohn, wie sie die Reise wahrnehmen, erzählt die Kritikerin. Den Jungen beeindrucken die Gedanken seiner Stiefmutter zu den Schicksalen der Flüchtlingskinder nachhaltig und so entsteht laut Meier ein feinsinniger und düsterer Roman über aktuelle drängende Fragen, den die Rezensentin nur stellenweise ein wenig überambitioniert fand.